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STUDI E TESTI 

3 9 

MISCELLANEA 

FRANCESCO EHRLE 

Volume III. 


ROMA 

BIBLIOTECA APOSTOLICA VATICANA 


M^CM.XXIIII 



MISCELLANEA FRANCESCO EHRLE 


SCRITTI 

DI 

STORIA E PALEOGRAFIA 

PUBBLICATI 

SOTTO GLI AUSPICI DI S. S. PIO XI 

IN OCCASIONE DELL’ OTTANTESIMO NATALIZIO 

DELL’ E.MO 

CARDINALE PRANCESCO EHRLE 

Volume III. 

PER LA STORIA ECCLESIASTICA E CIVILE 
DELL’ ETA DI MEZZO 


ROMA 

BIBLIOTECA APOSTOLICA VATICANA 


M.CM»XXIIII 




ANTON NAEGELE 


DOCUMENTA ET MONUMENTA TIROLENSIA 


Urkunden mul Denkmäler zur Geschichte Tirols und zur Geschichte 
der schwäbisch-tirolischen Beziehungen vom 13. bis 16. Jahr¬ 
hundert. 

Zwei Ländern gehört der greise Gelehrte im Kardinalspurpur 
an, zu dessen Jubel tag ein an Alter und Gelehrsamkeit ebenso weit 
entfernter als der engeren Heimat nahe stehender Landsmann einige 
Misceilanea beizusteuern die Ehre hat, zwei Ländern, die nach dem 
Abschiedswort des Bozeuer Regierungskommissars Dr. Gueriero vom 
Ende 1922 die höchsten Höhepunkte menschlicher Kultur erreicht 
haben, Deutschland und Italien. Dem einen gehört der ge¬ 
feierte Kirchenfürst durch Geburt und erste Studien an, dem an¬ 
deren durch seine längste und bedeutendste Wirksamkeit. 

Die Brücke zwischen beiden Ländern hat seit Urzeiten Tirol, 
das Land diesseits und jenseits des Brenners gebildet, Durchgangs¬ 
land nicht nur für Ross und Reisige, Kaiserzüge und Kriegsheer¬ 
fahrten, auch Durchgangsland für die Wanderungen der Kultur. 
Freilich wie Sprache, Geschichte und Kunst in unzähligen Doku¬ 
menten und Monumenten unwiderleglich zeigt, sehen wir in Nord 
und Süd die deutschen Einflüsse jene aus Italien seit der Völker¬ 
wanderung weitaus überwiegen. 

Und bei diesem Brückenbau zwischen den beiden Kulturländern 
haben besonders die Schwaben mitgewirkt. Zahlreiche Künstler, 
Gelehrte, Geistliche sind als Pioniere deutscher Kultur im Land 
des Inn und der Etsch seit dem 13. Jahrhundert nachweisbar tätig 




A. Nabgblb, Documenta et Monumenta Tirolensia 


165 


gewesen.^ Hat doch die oberschwäbische Abtei Weingarten 
durch Schenkungen der Welfen und der ihnen verwandten Eppaner 
Grafen zahlreiche Besitzungen im Ulten- und Etschtal seit dem 
11. Jahrhundert erworben und durch Kauf erweitert. Wie der grosse 
Gegner der Welfen, der Staufer Friedrich II., deren Erbe übernahm, 
zeigt die Geschichte der Schenkung der St. Margretkapelle bei 
Lana an den Deutschorden 1215 in unserem ersten Beitrag, und 
der letzte soll ganz neue Beziehungen zwischen Tirol und Schwaben 
durch zwei Urkunden betreffs Naukler, den Rat des Herzogs Eber¬ 
hard von Württemberg, Kanzler von Tübingen und Probst von Stutt¬ 
gart als Pfarrer von St. Pauls aufzeigen; die anderen Beiträge in 
der Mitte zwischen dem ältesten und jüngsten, zwischen dem An¬ 
fang des 13. und des 16. Jahrhunderts mögen durch Publikation 
der ältesten Urkunden über einige altehrwürdige Südtiroler Kir¬ 
chen Bausteine zur Geschichte des altdeutschen Landes im Mittel- 
alter liefern. 

Mögen diese kleinen Gaben aus dem Krankheitsexil zu Meran, 
Früchte unfreiwilliger Müsse als 56atj öXfyil "cs cpfXyj xe des grossen Ge¬ 
lehrten, dem sie gewidmet sind, wie des schönen Landes, dessen 
Boden sie entsprossen, nicht unwert sein. 

I. — Die Schenkung des St. Margaretenkiechleins bei Lana an 
den Deutschorden durch Kaiser Friedrich H. nach einer 
Originalurkunde von 1215. 

„Religion des Kreuzes, nur du verknüpfest in einem Kranze der 
Demut und Kraft doppelte Palme zugleich.“ Was der grösste schwä¬ 
bische Dichter Schiller an der eigenartigsten Schöpfung des Mittel¬ 
alters, den Ritterorden, in dem herrlichen Epigramm rühmt, diese 
doppelte Palme der Demut und Kraft, Bescheidenheit und Gedie¬ 
genheit, anmutiger Kleinheit und demütiger Monumentalität gebührt 
auch dem Heiligtum, das eine der ältesten Besitzungen im Etschtal 
und eine der allerältesten Schöpfungen des marianischen Deutschor¬ 
dens überhaupt darstellt. Eine der ersten Amtshandlungen des neu¬ 
gewählten Kaisers nach einer auf Altenburg am 5. Februar 1215 erlas¬ 
senen Urkunde war die Schenkung der den Welfen gehörigen Kapelle 
an den Orden, der heute noch in Lana eine Niederlassung besitzt. 

' Vgl. Beck, Diözesmarchiv von Schwaben 1897, S. 145 ff.; Naeoeie in 
Cirnat 1923 {Sonntagsbeilage der Meraner Zeitung, Nr. 8 ). 



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Miseellanea Fr. Ehrlb. III. 


Ein Kleinod kirchlicher Kunst in Architektur und Malerei, ja 
ein baugeschichtliches Unikum in seiner Art nennen wir mit voll¬ 
stem Recht das altehrwürdige Kirchlein zur hl. Margret am Abhang 
des Völlaner Bergs oberhalb Mederlana. Seit es nach langer Ver¬ 
wahrlosung wieder in den Besitz des Deutschordens (1891) gekom¬ 
men und in altem Glanz und in neuer Pracht (1896) wieder erstanden 
ist, ^ übt das schon 1215 (nach anderen 1214 oder 1219?) von Kaiser 
Friedrich II. dem deutschen Ritterorden übergebene Kirchlein seine 
neue Anziehungskraft auf einsame Wanderer aus. Welfen und 
Staufer, die mächtigsten Herrschergeschlechter des Mittelalters, be¬ 
gegnen sich schon an der Wiege dieses Bauwerks, und wie die 
geschichtlichen Zusammenhänge, zeichnet eigenartige, ja einzig¬ 
artige künstlerische Anlage und Ausschmückung das Heiligtum 
aus, eine unübertreffliche Weihe von Kunst und Geschichte. Papst 
und Kaiser, Herzog und Deutschordensmeister, Bischöfe von Trient 
und Ordensbrüder von Lana haben im Lauf der langen Jahrhun¬ 
derte in Dokument oder Monument ihre Spuren am Kirchlein ver¬ 
ewigt. Kaiser Friedrich II., des grösseren Barbarossa grosser Enkel, 
schenkt die Kapelle mit dem Patronatsrecht dem deutschen Orden 
zur Förderung seines Hospitals in Jerusalem. ^ Papst Alexander IV. 
bestätigt 1257 im Brief aus Viterbo die Schenkung. Herzog Welf VL 
von Bayern, Lehensherr im Ulten- u. Etschtal verpfändet mit diesen 
Gütern seine Stiftung in St. Margret an den Schwestersohn, den 
Stauferkaiser; dem Bischof von Trient geloben 1234 die Gebrüder 
Roderich und Oderik Gehorsam. Solch machtvollen Schutzes und 
solch grossmächtiger Ahnherrn würdig ist auch die Ausstattung 
des Kirchleins. 

Wenden wir zuerst den Blick auf das bislang kaum beachtete 
architektonische Kleinod. Drei Apsiden hat das Kirchlein als 
Choranlage. Deutlich sichtbar auch nach Aussen treten diese drei 
Rundbauten vor, 2 kleinere und eine nur wenig grössere schliessen 
sich unmittelbar an das fast quadratische Schiff an und geben dem 
Bau einen kleeblattförmigen Abschluss. Man nennt diese seltene 
Bauweise Dreiconchenanlage (Concha oder Apsis, Cella trichora). 


1 Beschreibving in Atz-Sciiatz, Der Deutsche Anteil des Bist. Trient IV 
1907, S. 28. 

2 peitenegg, Vrh. d. dt. Ordens, Nr. 14, gibt 1219, Atz (S. 28), 1214 an: 
F. Ladueneb, ürJc. Beiträge z. Gesch. d. deutsch. Ordens, 1861, S. 10: 1214, 15. Febv. 





A. Naegele, Documenta et Monumenta Tirolensia 


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Als berühmtestes Muster solcher romanischen Architektur ist St. Maria 
im Kapitol zu Köln bekannt. Nach diesem Typus sind im Rhein¬ 
land, in Nordfrankreich und in Flandern einzelne romanische Kir¬ 
chen gebaut. Doch ist diese eigenartigee Anlage nicht erst ein Kenn¬ 
zeichen romanischer Bauweise im Abendland. Ihr Ursprung 
geht nach neuesten Forschungen, besonders Strzygowski und seinem 
neuesten aufsehenerregenden Werk; „Kleinasien, ein Neuland der 
Kunstgeschichte“,' weiter zurück und beschränkt sich nicht auf 
europäische Kunst. Drei Apsiden, auch in Rundform angelegt, kom¬ 
men schon im altchristlichen Basilikenstil vor, als Cella über 
den Ruhestätten der Märtyrer errichtet, als überirdische Katakom- 
benmemorien in Rom (cella trichora),^ und ebenso zeigen Chöre in 
frühchristlichen Basiliken in Kleinasien diese dreiapsidige Anlage. •* 

Offenbar eine Nachwirkung solcher römischen Katakombenkir- 
clien ist die Nachbildung ähnlicher Grundrisse im romanischen Bau¬ 
stil, und als Dreipass beherrscht die Grundform das gotische Orna¬ 
ment. 

Dass dreischifflge Kirchen auch in einem halbrunden Abschluss 
für jedes Schiff enden, ist nicht zu verwundern, obwohl auch diese 
dreichorige Anlage selbst bei grossen Kirchenbauten selten ist (z. B. 
Innichen Stiftskirche, St. Lorenz Trient, Pfarrkirche in Bozen). Dass 
caber ein einschiffiges kleines Kirchlein in drei Apsiden abschliesst, 
gehört zu den allergrössten Seltenheiten. Zwei Chorapsiden, die 
auch nach aussen hervortreten, hat das St. Martinskirchlein auf dem 
Friedhof in Schenna,^ ein zweischiffiges romanisches Bauwerk 
von unbestimmtem Alter. Nebenapsiden ohne nach aussen sichtbare 
Rundung finden wir in Tirol mehrfach, teils eine, teils zwei neben 
der Hauptapside, so in St. Margreth in Dölsach, ^ bei Lienz, in der 
Katharinenkapelle der Burg Hocheppan,® in St. Bartholomäus bei 
Romen am Nonsberg, St. Margreth bei Castelletto am Rochettapass. 
Aber nur an unserem Margarethenkirchlein treten die Nebenapsiden 
zugleich mit der Hauptnische nach vorne und sind aussen ebenfalls 


' 1903, S. 26 fC., 219 fe. 

Kbaus, Realencykl. I, S. 195; Kaufmann, Hanäb. d. ehr. Archäol. 1905, 

S. 147. 

® Strzygowski, S. 26 ff. 

^ Atz-Sohatz, IV, 283. 

^ Grundriss bei Atz, Kunstgcsch. v. Tirol, S. US. 

Ebda, S. 117. 

^ S. 117. 



168 


Miscellanea Er. Ehrlb. III. 


gerundet. In Komen breitet sich die mittlere Apsis mehr nach 
aussen, in Hocheppan liegen die 3 fast parallel wie in Lana und 
noch stcärker ist die Ausbuchtung der Hauptapsis in Dölsach. 

Die seit der altchristlichen Basilika bestimmende Kreuzesform 
im Grundriss des Gotteshauses hat damit ihre Giltigkeit verloren. 
Was mag zu solcher Abweichung vom herrschenden Grundriss ver¬ 
anlasst haben ? Eine äussere Notwendigkeit kann es kaum bestimmt 
haben. Die Absicht, die Anlage bei so kleinen Bauten recht hervor¬ 
zuheben, die zu solchem Dreikonchenabschluss geführt haben soll, 
dürfte wenig einleuchten, ’ nicht künstlerische und nicht praktische, 
sondern wie des öfteren im symbolfrohen Mittelalter, werden geheim¬ 
nisvoll mystische Symbole den Ausschlag geben. 

Architektonisch wohl begreiflich ist die Anlage bei Zentral¬ 
bauten, wo sie besonders in der Barockzeit gern angewendet wird, 
Rundkirchen mit oder ohne kleeblattförmigen Apsidenausbauteu 
haben schon im römischen Altertum bei Mausoleen, wie in früh¬ 
christlicher Zeit Nachbildung gefunden. Auch Tirol hat nicht wenige 
Zentralbauten, die Atz einmal behandelt hat. ^ Ihr Vorkommen in 
Stadt und Land in der Umgebung von Schwäbisch-Gmünd (Strass¬ 
dorf, Schechingen u. a.) haben d. V. seit langen Jahren veranlasst, 
diesen Rotundenbauten nachzugehen in Geschichte und Kunst. Nach 
dem Vorbild der hl. Grabkirche in Jerusalem wurde die Rotunde 
immer beliebter und hat im Lauf der Jahrhunderte mannigfache 
Ausgestaltung erfahren. 

Aber an das Quadrat oder Rechteck eines kleinen Baus eine 
fast parallele Reihe von 3 halbrunden Nischen zu setzen, mit aussen 
sichtbarem Rundabschluss, gehört zu den allergrössten Seltenheiten, 
vollends in jener altersgrauen Zeit. Nur St. Vigilius in Morter 
lässt sich etwas mit unserem Margrethenkirchlein in Lana verglei¬ 
chen, doch hat jenes mehr Kleeblatt- oder Dreipassform, ^ beide 
Kreuzflügel haben als Abschlusswand eine halbkreisförmige Nische 
wie der Hauptchor. ^ Wie soviele Kirchen Italiens und Deutschlands 
zeigt das Vinschgauerkirchlein den Grundriss des Kreuzes, dessen 
Querflügel Apsiden erhielten. Die rheinische Metropole Köln hat 
allein drei Kirchen dieser Art in Kleeblattgrundform. Dagegen hat 


1 Mitteilg. d. Zentralkommission, 1900, S. 3. 

2 Mitteilg. d. Zentralkommission, Nr. 7, 1878, S. 76 ff. 

3 Grundriss Atz, IV. T., S. 126. 

Atz, eida, Abb. S. 126. 






I 


A. Nabgblb, Documenta et Monumenta Tirolensia 169 


unser Lanaer Deutschordenskirchlein noch nichts von der Crux 
iiiiinissa, dem lateinischen Kreuz, sein Grundriss ist noch die Crux 
coramissa, die Tauform, T-förmige Gestalt, zwischen Chor und Schiff 
ist noch kein quadratischer Kaum eingeschohen, das sogenannte 
Cliorquadrat. Unmittelbar stossen die zwei Haupträume der alten 
Basilika zusammen, der Chor erweicht sich und erweitert sich bei 
diesem Zusammenstoss in 5 halbe Rundräume, oder vielmehr das 
einzige lange Schiffsrechteck löst sich am vorderen Abschluss in 
drei Halbkreise auf. Die Knospe springt und spaltet sich und ent¬ 
faltet zugleich bei dieser Spaltung neben den baulichen ganz hoch¬ 
wertige malerische Blüten. Dass die einzig reiche Choranlage erst 
den neuen Besitzern, dem Deutschorden, ihre Entstehung verdankt, 
also dem 13. Jahrhundert angehört, dürfte mit höchster Wahr- 
sclieinlichkeit anzunehmen sein. 

Gleichzeitig mit der Errichtung des Baus muss die Bemalung 
de.s Kirchleins durchgeführt worden sein, am Ende des 12. oder 
Anfang des 13. Jahrhunderts ^ erhielt nach kompetentestem Urteil 
diu grosse Fläche über den drei Nischen, die Ostwand des Schiffs, 
mit den Wölbungen und Wänden der drei Apsiden die bis vor 
kurzem verdeckten Fresken. Vielleicht fand die Uebertünchung 
zugleich, wenn nicht nach der Einwölbung der flachen Holzdecke 
statt; das den Bau später gefährdende Tonnengewölbe mag bald 
nach 1594 eingesetzt worden sein. Bei der jüngsten Restauration 
durch den Deutschorden (am Ende des 19. Jahrhunderts), bald nach 
dem Ankauf des Baus (1891 od. 1897) ^ wurde dieses wieder entfernt 
und die übertünchten Fresken wurden grösstenteils aufgefrischt, 
zum Teil stark ergänzt wegen Zerstörung durch das spätere Ton¬ 
nengewölbe. 

Wie entrückt in weltferne Jahrhunderte der Stauferzeit kommt 
sich der Beschauer des Innern im einsamen Deutschordensheiligtum 
vor. Gestalten wie in der Burgkapelle auf Hoheneppan, in St. Jo¬ 
hann oder Campill bei Bozen begegnen dem erstaunten Blick. Die 
Jlaiestas Domini, Christus als erhabener Weltenrichter auf dem 
Regenbogen thronend, umgeben von den Evangelistensymbolen, 
schaut aus der mittleren Halbkuppel ernst und streng den Besucher 
an. Weiss ist sein Gewand, braun der Mantel mit goldenem Saum; 

' So Atz, Deutsch. Anteil d. Diöz. Trient IV, S. 29, Kwistg., S. 355 

^ Letztere Jahrzahl wohl unrichtig bei Atz, Kunstg. v. Tirol, S. 350, da am 
lurni die Zahl 1890 für das Jahr der Renovation angegeben ist. 



170 


Miscellanea Fr. Ehelb. HL 


das Buch des Lebens in der Linken, die Kechte zum Sprechen oder 
Segnen emporhaltend. Wie der Oberkörper stützen sich auch die 
Füsse auf einen Regenbogen. Die ganze Gestalt umgibt die Maii- 
dorla, der in der mittelalterlichen Kunst beliebte mandelförmige 
grosse Nimbus. Die tieferen senkrechten Flächen an der linken 
und rechten Seiten wand der Mittelnische sind mit den 5 klugen 
und 5 törichten Jungfrauen besetzt; diesen erstoren, in demütiger 
Haltung einherziehenden öffnet Christus die Himmelstür, letzteren 
verschliesst er dieselbe, was sie gleichgiltigen Blicks, spielend mit 
ihren schöngezierten roten Haaren oder Blumen hinnehmen. Der 
untere Teil der Gemälde musste stellenweise ergänzt werden. 

Die Gewölbe der Nebenapsiden schmückt je eine Frauengestalt. 
Links {Evangeliumseite) ist es sicher eine thronende Madonna mit 
dem Jesuskinde, denen zwei Engel huldigen, ähnlich wie in Hoch- 
eppan, nur dass das Kind in Lana kleiner dargestellt ist; in der rech¬ 
ten Seitenapsis (epistelseits) sehen wir wieder eine Frau, von Engeln 
umgeben, allein, mit ausgebreiteten Armen. Ist es Maria, die heilige 
Jungfrau, oder eine betende Gestalt nach Art der altchristlichen 
Oranten, wie sie die Apsiden der Katakombenzellen ' oder Mosaiken 
in Venedig, Murano a. u. darstellen oder vielleicht die Titelheilige 
S. Margret in der Verklärung ? 

Die Seitenwände beider Nebenapsiden füllen Darstellungen aus 
dem Leben der hl. Margareta, die aber unter der Tünche schlecht 
erhalten zum Vorschein kamen und vom Restaurator Siber teils 
ganz erneuert, teils stark ergänzt werden mussten. Von den der 
Heiligenlegende entnommenen Szenen stellen die ersten zwei in der 
linken Seitennische (evangelienseits) dar, wie Margret wegen ihres 
christlichen Glaubens vom heidnischen Vater zum niedrigen Hirten¬ 
dienst bestimmt wurde, in der zweiten weigert sie sich, in die ihr 
aufgezwungene Vermählung einzuwilligen; Zwei andere Szenen sehen 
wir in der rechten Seitennische. In der dritten steht sie’ wegen 
ihres christlichen Glaubens vor dem Richter. Die 4. Szene zeigt 
ihr doppeltes Martyrium : die Verstossung in einen siedenden Kessel 
über loderndem Feuer und die Enthauptung durch das Schwert. 
Engel nehmen ihre Seele in den Himmel auf. 

Die Ostwand über den Apsiden ziert ein grosses Fresko ;Chri- 


1 In d. Ktinstffesch. v. Tirol, S. 35C, hält Atz die Frau ebenfalls für Maria, 
in Deutsch. Anteil d. Diös;. Trient IV, S. 30, bezweifelt er es noch; ebenso Kunst¬ 
freund, 1898, S. 67. 





A. Nabgelb, Documenta et Monumenta Tirolensia 


171 


stus sitzt zwischen den 12 Aposteln auf einer Bank, je 6 Apostel 
ZU)' Rechten und Linken des Meisters gereiht, auf derselben 
gemeinsamen Bank (ganz neu nach altem Muster) in streng ernster 
Haltung, jedoch durch das später eingesetzte Tonnengewölbe stark 
beschädigt. Bis auf zwei Apostelgestalten halten die Apostel meist 
lüicher. 

Schattierung und helle Lichter, einfache Konturen und plasti¬ 
sche Rundungsversuche wechseln nach Janitschek ' auffällig, ebenso 
die Haarbildung von der glatten Farbfläche bis zur Strähnen- und 
Lockenandeutung. Handbewegung ist nur einmal versucht, die Farbe 
der Gewänder dagegen abwechselnd gewählt. Reiches Mäanderor¬ 
nament, ähnlich dem Hocheppaner, umgibt die Szene. Links über 
dem Apsidenbogen sah man bei der Aufdeckung noch Spuren eines 
Reiterkampfes, wie ja auch neben der Maria der Kapelle in Eppan 
eine Jagdszene sehr realistisch dargestellt ist. In beiden hochernsten 
Freskenzyklen wird man nur an symbolische Auffassung vom 
„Seelengejaid“ denken dürfen, wie sie sich an vielen romanischen 
Kirchen diesseits und jenseits der Alpen finden. Den Hoheneppaner 
Gemälden gegenüber verraten die Lanaer einen Fortschritt zu grösse¬ 
rer Freiheit, sind also wohl jüngeren Ursprungs. 

Die Generation, die sich an den altehrwürdigen Gemälden fast 
barbarisch versündigt hat, hat ein beachtenswertes Werk der Holz¬ 
plastik in dem Margaretenkirchlein hinterlassen, einen Barockaltar 
mit zahlreichen, zierlichen, in Holz geschnitzten Engelsfiguren, den 
nach der Inschrift über der Altarmensa Stefan Pichler, Deutsch¬ 
ordensprofess und Rektor der Pfarrkirche zu Lana, zu Ehren der 
hl. Mutter Anna im Jahr 1687 errichtete: „pro beneficiis acceptis 
»gratias agendo et ulteriora beneflcia petendo“ - zum Dank für emp¬ 
fangene Wohltaten und zur Erlangung weiterer Gnaden. Wahrschein¬ 
lich stand der Annaaltar früher in der Annakapelle des Pfarrwidums 
und kam unter Pfarrer Schmidhofer, der 1749 grosse Umbauten 
daselbst vornahm, in die Margaretenkapelle. ^ Auch das sicher 
übermalte Hauptbild des Altars erinnert viel eher an die Gestalt 
der hl. Anna als an die der hl. Margret. 

Reben St. Georg ist die hl, Margret eine der Hauptpatrone des 
Ordens, der Rittertum und Mönchtum verbindet, „der Demut und 
Kraft doppelte Palme“, wie Schillers Epigramm rühmt. Vielleicht 

‘ Bei Atz und Schatz, S. 355. 

' Atz, Deutsch. Anteil IV, S. 28, 38. 



172 


Miscellanea Fr. Ehrlb. III. 


erwarb sich die Heilige diese Vorliebe durch ihr Hauptemblem, 
den Drachen, den sie, wie St. Georg, besiegt, als Zeichen des Siegs 
über Heidentum und Verführung zum heidnischen Glauben und 
Leben. Wie St. Georg gehört auch S. Margret zur Gruppe der 
14 Nothelfer. Oder vielleicht, weil sie nach der Legende mit dem 
Krenzeszeichen den Teufelsdrachen besiegt haben soll ? Trägt ja 
der Deutschorden das Kreuz, einst auf dem Mantel, heute auf der 
Brust. Die zwei Fassungen der Lebensbeschreibungen der heiligen 
Jungfrau und Märtyrin sind nach den Bollandisten ganz apokryph, 
unecht. Darnach stammte die Heilige aus Antiochien in Pisidien, 
Vom heidnischen Vater verstossen, ward sie wahrscheinlich in der 
Diokletianischen Christenverfolgung gemartert und enthauptet für 
Glaube und Jungfräulichkeit. Früh ward sie verehrt besonders in 
der griechischen Kirche, deren Sprache auch der schöne Name 
(Perle) entstammt; seit dem 7. Jahrhundert ist ihre Verehrung auch 
im Abendlande bezeugt; ihre Legende ist episch und dramatisch oft 
bearbeitet worden.' 

So hat Lana jedenfalls schon im 13. Jahrhundert, vielleicht 
schon früher ein Heiligtum der hl. Margareta besessen. Wann sich 
der Deutschorden dort niedergelassen, ist bis heute nicht sicher fest¬ 
gestellt. Neben der Schenkung des Kirchleins 121.5 ist es vor allem 
die Ueberlassung der Pfarrei Lana, die nach längerem Streit um die 
Vogtei seitens des Hauses Brandts zu Gunsten des Deutschordens 
durch Papst Bonifaz IX. im Jahre 1396 entschieden wurde. ^ Jeden¬ 
falls hat der Orden vom Deutschen Haus in Bozen aus seine Besit¬ 
zungen im Etschtal weiter auszudehnen verstanden und ist ein 
Machtfaktor in weltlichen wie kirchlichen Dingen seit der zweiten 
Hälfte des Mittelalters geworden. 

Wie dem auch sei, wir freuen uns der durch des Deutsch¬ 
meisters Grossmut und Kunstsinn in alter Herrlichkeit wiederer¬ 
standenen Margaretenkapelle und wünschen dem Schmuckkästchen 
romanischer Baukunst und Malerei auch einen Teil der früher sicher 
vorhandenen mittelalterlichen Skulpturen. Ob nicht die köstlichen 
Holzreliefs, darunter auch die hl. Margret, in der Kirche zu Marling, 
aus der 100 Jahre herrenlos und schutzlos ausgeplünderten Kapelle 
stammen? Ein Vorgänger des heutigen kunstsinnigen Grieser Ordens- 


1 Histoire litterawe de la France, p. 32, 100 ff.; Acta Sanctorum -Tuli V, p. 21; 
Buchbeegee, Kirchl, Handlexikon II. S. 819. 

2 Atz-Schatz, IV, S. 5. . 






A. Naböblb, Documenta et Monumenta Tirolensia 


173 


pfarrers, P. Anselm Pattis, hat sie, wie mir der ehrwürdige Priester¬ 
sreis nach der Feier seines 60. diamantenen Ordensprofessjubiläums 
erzählte, in Privatbesitz aufgegabelt. Auch diese erinnern als Zeugnis 
für die uralte Beliebtheit dieser Heiligengestalt in unserem deut¬ 
schen Volk an den alten Spruch: 

„St. Margret mit dem Wurm, 

St. Barbara mit dem Turm, 

St. Kathrin mit dem Radi, 
das sind die ‘6 heiligen MadP!“ 

Köllig Friedrich II. schenkt dem Deutschorden die Kirche Tschars und die 

St. Margaretha-Kapelle hei Lana nebst Zubehör, h 

Altenburg 1215 Februar 5. 

Original im Deutschordensarchiv zu Wien, Pergament, Majestätssiegel 
an rot-weisser Seidenschnur. 

Fridericus divina favente clemencia Romanorum rex semper augu- 
stus et rex Sioüie. Quoniam nos ad promotionem domus hospitalis Teu- 
tonicorum in lerusalem * toto desiderio intendimus et ad dilatacionem 
reddituum ipsius domus operam efficaciorem inpendere proponimus, uni- 
versis presentis etatis et in evum successure posteritatis hominibus notum 
esse volumus, quod nos obtentu retributionis eterne domui sancte Marie 
hospitali Teutonicorum in lerusalem in perpetuam proprietatem donavimus 
ecclesiam, que Schardes ® dicitur, cum Omnibus pertinentiis et omni iure 
suo et capeliam sancte Margarete similiter cum omnibus hiis possessionibus, 


' HuiLLABD-BBÄHoruES, Bist. dipl. Frid. II. I, 2, p. 359, Böhmer-Ficker, 
kcijcsta imperii V. Nr. 782; Pettenegg, Die Urkunden des Deutschordensarchvos 
~ii Wien, Nr. 14. 

- Gegründet im Jahr 1180. 

® Schardes ist nicht wie Hormayr, Koch und noch jüngst die Urheber der 
nach der Renovation 1896 angebrachten Inschrift der Margarethenkapelle ange¬ 
nommen haben, Schlanders, sondern nach Ladurners Vermutung, Urkundliehe 
Ihitrüf/ß äf. Oesohichte des deutschen Ordens in Tirol, 1861, S. 11, Tschars im 
Vinsehgau (Tsardes Atz-Schatz, Dt. Anteil V, S. 129). 

Dass nur die durch ihre merkwürdige Bauanlage und ihre alten Fresken 
tiervorragende Margarethenkapelle oberhalb Niederlana gemeint sein kann, ergibt 
sicii glücklicherweise aus sicherer urkundlicher Bestätigung. Papst Alexander IV. 
hat in Vlterbo am 9. November 1257 die Schenkung der Margarethenkirche zu 
bauna durch Kaiser Friedrich vor dessen Absetzung betätigt, dem Meister und 
'len Brüdern des Deutschen Hauses zu Jerusalem bestätigt; Regest bei Pettenegg, 
317. 



174 


Miscellanea Fr. Ehelb. III. 


quas iam dicte ecclesie vel nune habent vel inposterum sunt adepture, sta- 
tuentes, ut proventus raemoratarum ecclesiarum perpetuo usibus fratrum 
predicti bospitalis cum omni integritate deserviant. Ad cuius rei perhennem 
memoriam presentem paginam conscribi iussimus et maigestatis nostre bulla 
consignari. Quicumque igitur hanc nostre donationis paginam infringere 
presumpserit seu aliquo ei temeritatis ausu obviare, in sue presumptionis 
penam centum libras auri puri conponat quarum medietas fisco nostro, re- 
liqua vero medietas passis iniuriam persolvatur. Testes huius rei sunt; 
Engelhardus Nuenburgensis * episcopus, Hermannus iangravius Thuringie.'^ 
Didericus marchio Missensis et orientalis, Otto dux Meranie,® Albertus conies 
de Eberstein, comes Adolfus de Schowenburc, comes Burkardus de Man 
nesfeld, Albertus burggravius de Aldenburc, Heinricus de Widah ^ et alii 
quam plurcs. Acta sunt autem hec anno Domini MCC XIIII. Datum 
apud Aldenburc, non. feb. indictione III. 


II. — Aelteste Dokumente zur Geschichte von Makling bei 

Meran, seiner Pfarrkirche und seiner Kapellen. 

Während die erste Urkunde am Anfang der Regierung des 
grossmächtigen Stauferkaisers Friedrich II. ausgestellt ist, fällt das 
zweite Dokument an das Ende seines kampfumtobten Lebens. Die 
Augen hatte er eben im Tod geschlossen und in Palermo sein Grab 
im südlichsten Italien gefunden, er, dessen schwäbische Stammburg 
ira südlichsten Deutschland lag, und aus dem Geschlechte seiner 
wölfischen Gegner stammt der Bischof von Trient, der in langer 
Regierungszeit zahreiche Akte seiner bischöflichen Würde im Etsch¬ 
tal ausübte, Egno (1248-1273). Hoch oben in herrlicher Lage über 
der Etsch tront die stattliche Pfarrkirche von Marling, die 
zu den ältesten Pfarreien nach geschichtlicher Bezeugung gehört. 


1 Naumburg. 

2 Der Gatte der hl. Elisabeth von Thüringen, die im Deutschorden nach 
ihrer Heiligsprechung 1235 sich besonderer Verehrung erfreute; das Deutschordeas- 
haus in Trient erhielt ihren Namen. 

3 Nicht abgeleitet von Meran. 

•* Altenburg, Hauptstadt des Herzogtums Sachsen-Altenburg, Residenzschloss, 
unter den Hohenstaufen schon Reichsburg, Sitz der kaiserlichen Burggrafen, 
durch A'eriobung der Tochter Kaiser Friedrichs II. Margaretha mit Alhrecht dein 
Unartigen kam die Burg in den Be.sitz der Grafen von Meissen (gemeint sind wohl 
Dietrich, Burggraf von Altenburg, den manche schon um 1200 sterben lass.eu mal 
dessen Bruder Albrecht II. gestorben um 1270, ein treuer Anhänger Kaiser Frie¬ 
drichs II.). 

s AVeida im Grossherzogtum Sachsen-AVeimar, Schloss Osterburg. 



A. Naegele, Documenta et Monumente Tirolensia 


175 


Ihr ist das seltene Glück beschieden, die ältesten Urkunden ihrer 
Weihe im Original noch an Ort und Stelle zu besitzen. 

Noch höher liegt in der Norder am Marlinger Berg das köst¬ 
liche Kleinod gotischer Baukunst, das Kirchlein St. Felix, das 
sich so seltener, früher archivaliseher Bezeugung erfreuen darf, ein 
Bau, der im reichen Kranz der Bergkirchen und Bergkapellen des 
oberen Etschtals als eine der köstlichsten Blumen dieses Gottesgar¬ 
tens zu schätzen ist, merkwürdig durch seinen Patron St. Felix 
Martyr., die alte Bezeugung seiner Weihe 1251, seine Quelle im 
Innern und seine gotische Architektur. Die Rätsel seines Heiligen¬ 
patronats glaube ich an anderern Ort durch Hinweis auf Spuren 
von Beziehungen zu dem Schweizer Heiligen, Felix, Stadtpatron von 
Zürich, gelöst oder wenigstens der Lösung näher gebracht zu haben. 
Seine Weihe gleichzeitig mit der Pfarrkirche im September 1251 
bezeugt die älteste Urkunde von Marling. 

In dem Kranz von Kirchen und Kapellen, welcher die grosse 
Pfarrkirche umgibt, ragt durch Alter und kunstgeschichtliches In¬ 
teresse das Sr. Felixkirchlein hervor. 

Seiner heutigen Gestalt nach ist es ein gotischer Bau, wie die 
Hauptarchitekturteile aussen und innen zeigen. In die zweite Hälfte 
des 15. oder an den Anfang des 16. Jahrhunderts weist sein Baustil: 
Hohe Masswerkfenster und Portal im Spitzbogen, Aussehpfeiler und 
Eckleisten mit gotischer Profilierung. Ein schlankes Türmchen in 
sogenannter Dachreiterform mit profilierten Sockelstufen krönt die 
Westfassade. Ein polygonaler Chor, auffallenderweise etwas breiter 
als das Schiff, bildet mit seinen Masswerkfenstern den Abschluss 
nach.Osten an der steilen Berglehne. Die Decke im Innern zeigt 
reiches gotisches Gratgewölbe und an der Evangelienseito steigt aus 
der durchbrochenen Schiffswand die vieleckige gotische Kanzelbrü¬ 
stung, in Stein gehauen. Das ganze bildet ein Kleinod köstlichster 
gotischer Architektur, ein Zeugnis edelsten künstlerischen Geschmacks 
und zugleich innigen Glaubensgeistes und warmen Opfersinnes der 
Vorfahren, die in diese abgelegene, menschenferne Stätte ein so 
formenschönes, stilreines Heiligtum erstellten, Gott zu Ehren und 
seinem heiligen Blutzeugen St. Felix zu Lob. 

Wer mag der Baumeister, wer der Stifter der Bergkapelle 
gewesen sein? Keinen von beiden nennt eine Urkunde, die sich 
einem Archiv erhalten hätte. Wie so viele grössere Kunstwerke 
landauf, landab namenlos überliefert sind, verschweigt die Orts¬ 
geschichte uns die Namen der Meister und Guttäter. 




176 


Miscellanea Fii. Ehrle. III. 


Doch nicht nur die Gotik hat ihre SchriftzUge hinterlassen, noch 
eine ältere und eine jüngere Bauperiode hat ihre Züge, dem Sach¬ 
kundigen leicht erkennbar, dem Kirchlein eingeprägt. Ein älterer 
Bau muss an der Stelle des heutigen, im wesentlichen gotischen 
gestanden haben. Der Vorläufer des spätgotischen Kirchleins hatte 
- wie leicht begreiflich und oft meist nachweisbar - einen gerin¬ 
geren Umfang. Von ihm ist offenbar das heutige „Schiff“, wie 
man das an den Chor angebaute Langhaus einer Kirche nennt, noch 
in der Hauptsache erhalten. Dies ist merkwürdigerweise schmäler 
als der Chor, was sonst in der weiten Welt kaum vorkommt; es 
erklärt sich dieses seltene Missverhältnis nur durch die Annahme, 
dass zu diesem älteren, wenig geräumigen Teil des älteren Kirch¬ 
leins ein grösserer Kaum für einen Choraltarbau errichtet wurde. 

Wie lange schon dieser erste, älteste Bau gestanden haben 
mag auf dieser hohen Berghalde? ■ Glücklicherweise bestätigt oder 
ergänzt diese Annahme aus dem monumentalen Befund ein Doku¬ 
ment, das zu den ältesten im Bezirk erhaltenen Urkunden gehört. 
Im Pfarrarchiv zu Marling ist wohlverwahrt und treu gehütet von 
den alten Augustinern und ihren Nachfolgern im St. Benediktsgewand 
als Pfarreiinhabern eine Originalurkunde des 13. Jahrhun¬ 
derts; sie bezeugt in lateinischer Sprache und schwer leserlicher, 
abkürzungsreicher Schrift die Weihe der Pfarrkirche am 10. Sept. 
zu Marling, am 12. (?) Sept. 1251 die Weihe der Filialkirche, die 
zu Ehren des hl. Kreuzes, der seligsten Jungfrau, vorzugsweise aber 
zu Ehren des hl. Felix errichtet ward. Bischof Egno von Trient 
nahm 1251 die Weihe vor; die Apostelkreuze, die an den Wänden 
noch sichtbar sind, mögen an diese Tatsache aus altersgrauer Vgrzeit 
noch erinnern. Das heutige Schifflein des Gotteshauses geht also 
zweifellos noch in seinen Fundamenten in die Mitte des 13. Jahrhun¬ 
derts zurück, in jene sturmbewegte Zeit unseres deutschen Vater¬ 
landes, da eben der deutsche Kaiser Friedrich II. der Staufer in 
Italien ausgekämpft, Tod und Grab im welschen Süden gefunden 
hatte. Dieser noch ungewölbte älteste viereckige Kaum erhielt dann 
Ende des 15. oder Anfang des 16. Jahrhunderts die noch erhaltene 
schöne Wölbung, steinerne Grate statt hölzerne Deckbalken und 
dazu einen stolzen Choranbau mit steinernen Pfeilern, Fenstergra¬ 
ten, Kippen, Stichkappen und Blendrahmen, mit Turm und Süd- 
pörtal. 

Die letzten, weniger imposanten Schriftzüge, fügte die Barock¬ 
zeit hinzu. Unduldsam und unverständig gegenüber der strengen, 





A. Naegblb, Documenta et Monumenta Tirolensia 


177 


tief innerlichen Kunst der germanischen Gotik hat die Barockkunst 
im 17. und 18. Jahrhundert die Ueberreste der altdeutschen Kunst 
nur zu oft beseitigt, und verdrängte so altehrwürdige Kunstwerke 
der Vorfahren aus den grösseren Kirchen in kleine, abgelegene, 
wo sie oft glücklicherweise wenigstens erhalten geblieben sind, 
oder sie bilden heute unschätzbare Kleinodien unserer modernen 
Musseen. ' Auch unser Felixkirchlein erhielt wohl iro 18. Jahrhun¬ 
dert ati Stelle eines jedenfalls früher vorhandenen gotischen Hoch¬ 
altars einen barocken Säulenaltar mit den Statuen der hll. Kosmas 
und Damian, jener in einer Wallfahrtskapelle am gegenüberliegen¬ 
den Bergabhang ober Siebeneich viel verehrten heiligen Aerzte; die 
Mitte nimmt ein auf Leinwand gemaltes Alterblatt ein ; der hl. F el i x 
von N ola Priester und Märtyrer, mit zwei kleinen Szenen aus seinem 
Leben, frühestens im 18. Jahrhundert gemalt. Auch die übrigen Wand¬ 
gemälde gröberen Kalibers ohne höheren Kunslwert stammen aus 
derselben Zeit: eine schmerzhafte Mutter, Maria Himmelfahrt, und 
eine seltsame heilige Frauengestalt „St. Trösterin der Betrübten“. 

So haben also drei Menschenalter, das 13., 15. und 18. Jahrhun¬ 
dert, ihre deutlichen Spuren in dem Bauwerk auf der Marlinger 
Höhe zurückgelassen, ein beachtenswertes Monument von altehr¬ 
würdiger Vergangenheit. Wenn es sprechen könnte, was würde 
sein steinerner Mund alles aus längst verklungenen Zeiten erzählen? 

Eine andere Marlinger Urkunde erzählt uns von der Weihe 
einer Kapelle, die heute ganz vom Erdboden verschwunden ist, der 
hl. Michaelskapelle auf dem Friedhof, die 1354 geweiht wurde. 


1. Die älteste Urkunde über die Pfar rkirche in Marling 
vom Jahre 1251. 

Die älteste Urkunde im Marlinger Pfarrarchiv, eine der aller- 
ultesten Originalpergamenturkunden im Burggrafenamt, ist ein so 
wertvolles, ehrwürdiges, in seiner Erhaltung und Lesbarkeit äusserst 
gefährdetes Dokument, dass es an der höchsten Zeit ist, seine Ent¬ 
zifferung und Textwiedergabe zu bewerkstelligen und dem Druck 
zu übergeben. Das bald 700 Jahre alte Pergament ist im Lauf der 
Jahrhunderte vielfach ganz vergilbt, im Kontext und noch mehr 
den Rändern durchfressen, oft halhfingerlange Löcher klaffen, 
ßie Tinte an manchen Stellen stark verblasst, dazu eine Unmenge 
Abbreviaturen, die dem mit der Palaeographie, der Theologie 


^liscellanea Fb. Ehhle. III. 


12 



178 


Miscellanea Fe. Ehrlb. III. 


und dem Kirchenrecht des 13. Jahrhunderts nicht Vertrauten die 
richtige Entzifferung vollständig umöglich machen. In lateinischer 
Sprache abgefasst, verziert mit einigen grösseren Initialen, misst die 
Urkunde 27 cm. in der Höhe und 46 cm. in der Breite. Das Siegel, 
in 2 Fragmenten erhalten, scheint ein kaum oder roh geprägtes 
Wachsstück gewesen zu sein. 

Bischof Egno von Trient bezeugt die Weihe der Pfarrkirche 
in Mailing (Morninga) und die der Kapelle zu Ehren des hl. Felix 
am 10. September 1251 und verleiht aus beiden Anlässen jedesmal 
einen Ablass für schwere und lässliche Sünden, das heisst Nchlass 
der Kirchenbusse von 40 Tagen. Interessant ist neben der feier¬ 
lichen historisch-psychologischen Begründung des Schriftstücks in 
der Einleitung die Aufzählung der Beliquien, die in grosser Zahl 
in die geweihten Altäre, alter Vorschrift und Sitte gemäss, versenkt 
wurden. Von einheimischen Heiligen werden genannt Korbinian, 
weitere deutsche bezw. fränkische Heilige wie Willibald, Martin, 
Ulrich, Wallburg, Afra und, was besonders zu beachten ist, schon 
die hl. Elisabeth von Thüringen, die erst anderthalb Jahrzehnte 
vorher gestorben (1231) und heilig gesprochen (1235) worden war. 
Ferner der englische Märtyrer Thomas von Canterbury, dazu zahl¬ 
reiche römische Märtyrer, Apostel, und selbst von Maria und Johannes 
dem Täufer sind Kleider und Haare aufgegezählt. Nach Festsetzung 
des Kirchweihtags wird die Strafe der Exkommunikation für Ver¬ 
letzung der Rechte der Kirche und Kirchherrn ausgesprochen. Bis 
auf ganz wenige und sehr verdorbene Stellen konnte die Schrift 
ganz entziffert werden (freilich unter Aufwand von viel Zeit, Mühe 
und Augenkraft). 

Nach einer alten Dorsalinschrift auf dem Pergament, welche 
das „Idus Septembris“ ganz übersieht, gilt die Weiheurkunde (Weih¬ 
brief) der löblichen Pfarrkirche zu Marling de dato 4. September 
und vom 5. September für St. Felix in der Marlinger Nörder. 

Von dieser 1251 eingeweihten Kirche hat sich noch der roma¬ 
nische Kirchturm mit zwei rundbogigen Fenstern erhalten. Durch 
Brand im 15. Jahrhundert und Umbau, grosse Erweiterung und 
Neubau 1898 unter dem kunstsinigen, sein 60. Ordensprofessjubi¬ 
läum Ende 1912 als aktiver Pfarrer feiernden P. Anselm Pattis 0. S. B. 
ist sie eine der allerschönsten Landkirchen geworden. Der erste 
Pfarrer der schon in unvordenklicher Zeit bestehenden Gemeinde 
ist bezeugt Tiepoldus 1166, Rodeger 1134 presbiter, plebanus de 
Marniga. 



A. Nabgblb, Documenta et Monumenta Tirolensia 


179 


Bischof Egno von Trient bezeugt die Weihe der Pfarrhirche in Marling 

und die der Kapelle zu Ehren des hl. Felix und verleiht entsprechenden 

Ablass. 1251, September 10. , 

Originalpergament. Pfarrarchiv Marling. 

In nomine doraini nostri ihesu Christi Amen. Cum omnium habere 
niemoriam et in nullo errare angelicum sit potius quam humanum, scrip- 
turae benefleium a patre luminum emanavit, quod de praesentibus, prae- 
teritis et futuris indubitata fldes perpetuo pateat ad doctrinam. Quae ge- 
runtur... in tempore, ne labantur cum lapsu temporis, literarum apicibns 
debent memoriae conmendari et maximeea, quae ad laudem et honorem do- 
mini fiunt et in remissionem peecatorum, ne de [iliis] aliquod dubium vel 
anibiguum oriatnr. Pateat ergo Christi fidelibus tarn praesentibus quam fu¬ 
turis praesens privilegium inspeeturis, quod nos Egno ’ dei gratia Triden- 
tinus Episcopus anno incarnationis domini MCCLI, indictione VIIII, 
IIII Idus aeptembris* ecclesiam matricem in Merninga intuitu remunera- 
tionis domini nostri ihesu Christi regis pacifici, a quo bona cuncta pro- 

cedunt et per quem totius....ium® possidemus, decrevimus conse- 

crare. Primum [quijdem eeclesiam parroehialem de Merninga consacratam 
in honorem domini nostri ihesu Christi et sanctae... crucis et vivifleae, 
in qua ipse Ihesus Christus rex regum totum genus humanum redimere 
dignatus est, et sanotissimae dei genitricis Mariae perpetuae Virginia prae- 
cipue et [omniumj * sanctorum, quos dominus eligere dignatus est. Eodem 
vero die in ipsa consecravimus ecclesia triaaltaria: summum quidem in medio 
inhonore beataevirginis Mariae,reliquum^[a dextris] in honore sancti Jacobi, 
tercium a sinistris in honore sancti Blasii, In summo quidem recondimus 
venerabiles reliquias, sanctae crucis videlicet, de sepuicro domini, Capillorum 
snncti.Johannis Baptistae, Petri, Andreae, Mathiae Apostolorum, Jo¬ 

hannis Apostoli et Ewangeiistae, Georii, Sebastiani, Viti, Stephani pro- 
tomartyris, Pancratii, Felicisimi et Agapiti, Mauritii, Remedii, Eustachii, 
Apolinaris Martirum, Nicolai, Maximi, Willibaldi, Thomae Canthuariensis 
Episcopi,® Confessorum, Mariae Magdalenae, Katerinae, Margaretae, Agatae, 
Luciae, Elizabet, ’ virginum et viduarum. In secundo vero in dextro 

' 1248-1273. 

^ Atz, IV, 1.j 9 fälschlich 11. Sept. 

® Unleserliches Wort. 

* Unleserlich, ergänzt. 

® Deutlich so statt „alterum”. 

® Thomas v. Oanterbnry, heilig gesprochen 1173. 

’ Sicher wohl die v. Thüringen, gest. 1231, kanonisiert 1235. 






180 


Miscellanea Fu. Ehelb. III. 


latere reeondimas reliquias devotissi[me abjomnibas venerandas de vestibus 
«anctae Mariae virginis et de reliquiis sancti Jacobi, Pauli, Bartolomaei 
Apostolorum, Sisin[nii, ‘ Aljexandri, Martirii, Sebastian! martirum, üol- 
rici, Gregorii, Corbiniani, Martini confesserum, Caeciliae, Walpurgae, Agatae, 
Afrae.virginumet viduarum.ln tereioigitur altari sancti Blasii [in sin]istro 
latere clausimus reliquias honorandas Lucae Ewangelistae, Blasii, Christo- 
fori, Georii, Pancratii Martirum, Ulrici, Hilarii, Lucii, Egidii confesserum, 
Margaretae, Mennae, Af[rae],*‘Julianae, ündecim millium rirginum. 
Eeliquimus ad dedicationem ecclesiae et altaris summi de omnipotentis dei 
venia et auctoritate, qua f[ungimur], dierum criminalium Indulgentiam et 
mediam partem venialium, ad reliqua duo altaria reliquimus XL dierum cri¬ 
minalium indulgentiam [et].venialia. Constituimus itaque diem an[na- 

lein dejdicationis quamdiu perseverabit in[vio]lata ecclesia ab proxima 
die dominica ante beatissimae'Mariae virginis Nativitatem. Secundo vero 
[die eojdem dedicavimus unam capellam [in ho]nore domini et sanctae 
Mariae virginis et praeeipue in bonore sancti Felicis martiris 
et unum altare in ipsa capella, in quo sigillavimus reliquias venerandas 

de sancta et viviflea cruce®.reliquiis Johannis Baptistae, Petri, Andreas 

apostolorum, Felicis, Pantaleonis, Sebastian! martirum, Nicolai, Gregorii, 
Fronimi (?), Servatii confesserum, Panafretae (?), Hellettis (?), undecim 
millium [virginura]. •* Eeliquimusque ibidem Indulgentiae XXX dies cri¬ 
minalium et quartam partem venialium. Constituimus diem annalem dedi- 
cationis eiusdem Capellae eodem die prout cursus anni et ordo temporum 

exigit.[quam] diu permanserit inviolata. Accepimus etiam easdem ecole- 

sias et dotes ac possessiones ipsarum simulque res et clericos (dominol’) 
deo ibidem servientes in nostram protectionem Omnibus notorium fa- 
cientes, quod si quis praedictas ecclesias (ausus) fuerit attemptare et laedere, 
omnipotentis dei et nostram incurret [indignajtionem et [noverit] se excom- 
municationis [vinculo] fuisse innodatum. Et ut hoc credatur, [et] fldes plenior 
adhibeatur, praesentes litteras praedictis ecclesiis dedimus Sigilli patrocinio 
munitas. Datum anno domini MCCLI. Indictione VIIII. IIII Id. Septembris. 


1 So zweifellos zu ergänzen. 

2 'Wolil nur die Heilige v. Augsburg, deren Eeliefbild spätgotisch im Chor 
der Kirche hängt. 

3 Längere Lüche. 

Die näheren Angaben über die Zahl und die Umstände dieses Martyriums 
hat die Legende geschaffen, ähnlich wie bei den 10.000 Märtyrern des 3. Marlinger 
Dokuments, über die grosse Literatur vorhanden ist; s. Buchbeegers Icirchh 
Handlexikcm II, 2529; Zopf, Heiligenleben im 10 Jahrh., 1008, S. 64 ff.; Zum 
Oym. Progr. Offeniurg, 1904; Riese in Bonner Jahrbücher 118, 1909, S. 236 tt-r 
Morin, Ilelanges P. Fahre, 1902, S. 50-64. 







A. Naegblb, Documenta et Monumenta Tirolensia 


181 


2. Kekonziliation der Nikolauskapelle und des Fried¬ 
hofs zu Tscherms bei Marling durch Bischof 
Egno von Trient am 20 Januar 1270. Mit Ablass¬ 
erteilung und Messfeierlizenz. 

Die Expositur von Marling am Weg nach Lana, schon 88T 
(Cernes),' im Güterverzeichnis des Bistums Chur bezeugt, hatte 
jedenfalls schon vor dem Jahr 1270 ein Kirchlein, das vom Bischof 
Egno von Trient wieder in diesem Jahr geweiht wurde. Wahrschein¬ 
lich durch den vorbeifliessenden Bach wurde sie so beschädigt,, 
dass eine Wiederweihe notwendig war, wenn nicht die Schluss- 
bemerkung über Exkommunizierte und Indizierte auf ein Verbrechen 
schliessen lassen sollte. 

Originalpergament im Pfarrarehiv zu Marling. Siegel verloren. 

Nos Egno ^ Dei gratia Tridentinus Episcopus notum facere volumus- 
universis Christi tidelibus tarn praesentibus quam futuris hanc paginam 
intuentibus seu audientibus, quod ad honorem et laudem Dei et gloriosae 
Virginia Mariae ac sancti Nicolaij omniuraque Sanctorum requiescentium 
ibidem et ad instantiam precum plebani ac plebetanorum ® de Marniga 
reconciliavimus ecclesiam sancti Nicolai in Cermes et cimiterium 
eiusdem ecclesiae consecratum ipsisque fecimus gratiam specialem, ut 
annuatira in dedicatione eiusdem ecclesiae omnibus ad eandem ecclesiam 
venientibus humili corde et contrito XL dies criminalium et centum 
venialium de ininncta eis penitentia misericorditer in domino reiaxemus 
et ab Lodierna die usque ad unum annum omni die matis (?) ^ in ebdo- 
laada omnibus ibidem venientibus XX dies criminalium ex omnipotentis 
dei venia sint absoluti. Statutum etiam volumus ac concedimus ex gratia 
liberali, ut plebanus seu vicarius eiusdem plebis a nobis facultatem et 
licentiam habeat semel in sebtimana in eadem ecclesia- sancti Nicolai 
missam celebrare et divinum Officium jbidem facere, tarnen submissa 
voce et clauso hostio et non pulsatis campanis, omnibus ad eandem eccle¬ 
siam venientibus, eiectis ^ excommunicatis et qui fuerunt a nobis nomina- 
tim interdicti. 

Actum est hoc anno domini Millesimo ducentesimo LXX indi- 
ctione XIII die lunae XII exeunte Januario. 


* Atz-Schatz, Dt. Anteil IV, S. 155. 

2 Bischof 1248-73, weihte auch Marling und Dana und legte den Grundstein 
zum Meraner Spital. 

ä Plehetani = Volksgenossen, Gemeinde, Pfarrkinder. 

^ Unklare Abkürzung m’atls. 

^ Exceptis? 



182 


Miscellanea Fr. Ehelb. III. 


3. Weihe der Pfarrkirche und St. Michaelskapelle in 

Marling durch Weihbischof Thomas von Trient 

am 1. Mai 1354. 

Eine dritte Weiheurkunde, auf Pergament in wesentlich anderer 
Schrift (Minuskel) mit Abkürzung fast jeden einzelnen Wortes in 21 
Zeilen geschrieben, bezeugt eine andere Konsekration der Marien¬ 
pfarrkirche und der Michaelskapelle auf dem Friedhof, die der 
Trienter Weihbischof Thomas, Kaplan des Patriarchen von Venedig, 
am Feste der Apostel Philipp und Jakob, also am 1. Mai 1354, vor¬ 
genommen hat. Vier Tage darauf stellt der Suffragan des Bischofs von 
Trient mit dem Titularbistum Cernite^ auf Schloss Lebenberg 
zwischen Lana und Marting die Weiheurkunde aus. Gehörte das 
herrlich gelegene Schloss damals vielleicht den Bischöfen von 
Trient? Erst für das Jahr 1406 ist eine Stiftung für die Schloss¬ 
kapelle durch die Brüder Leonhard und Petermann von Lebenberg 
bezeugt, später hatten die Grafen Fuchs die Burg im Besitz. So 
bringt unsere Urkunde einen kleinen neuen Beitrag zur „Cronika 
des geschlosses, wie sie Planta reizvoll beschrieben, derer von Le¬ 
benberg“. Es muss also die alte Dorfkirche, die gerade 100 
Jahre vorher geweiht worden war (1251) durch Naturgewalten, 
wahrscheinlich nach dem Befund der Grabungen beim Neubau 
(1898 ff.) durch Bergabrutschungen und Einmuhrungen beschädigt 
oder zerstört worden sein. ^ Die Pfarrkirche erhielt 3 Altäre, den 
Hochaltar zu Ehren der allerseligsten Jungfrau Maria, die Neben¬ 
altäre zu Ehren des hl. Apostels Jakob und des hl. Blasius. Die 
Michaelskapelle auf dem Friedhof um die Kirche, die ein Opfer 
des neuen Kirchenbaus werden musste ist also schon für das 
Jahr 1354 bezeugt. Nach der' von Atz-Schatz® nur erwähnten 
Weihe vom Jahr 1490 hatte diese Gruftkirche einen St. Sebastians 
und Erasmusaltar. Eine Unmenge von Heil tum hat der Trienter 
Weihbischof mitgebracht, Reliquien von allen Heiligen Bischöfen, 
Märtyrern, Jungfrauen, Aposteln, selbst von Christus und Maria und 
Johannes dem Täufer, so vom Bett, Haar und Schleier, Hemd und 
Rock Mariens, vom Hirtenstab des hl. Petrus, vom Grab der bl. 


1 S. Eubel, Hierarchia catholica medii aevi I* (1913), S. 182. 

2 Atz-Schatz, Der deutsche Anteil d. Bist. Trient IV, S. 162. 

3 Ebda. S. 153 nach Archivhericlite aus Tirol I, S. 276. 




A. Nabgblb, Documenta et Monumenta Tirolensia 


183 


Katharina von Alexandrien, vom Grab Christi und den Kleidern 
des Apostels Jakobus, vom hl. Kreuz, vom Auge der hl. Elisabeth 
(von Thüringen wohl); Korbinian, Erhard, Magnus, Othmar gehören 
der deutschen Kirche als Heilige an, die 10000 bzw. 11000 Märtyrer 
und die 11000 Jungfrauen sind öfters als unerschöpfliche Quelle von 
Keliquienlieferungen angeführt. Ablässe werden anlässlich der 
Kirchweihe verkündet, auf bestimmte Festtage, darunter ist auch 
gleichberechtigt neben Ostern, Pfingsten und Weihnachten der 
Karfreitag genannt, ein erfreuliches Zeichen der leider im Süden 
ganz verschwundenen Ehrung des Todestags Christi. 


Lehenherg 1354 Mai 4. 

Originalpergament mit Wachssiegel. Pfarrarchiv Marling. 

Nos Frater Thomas dei gratia Episcopus Cernitensis, Cappellanus 
Domini Patriarchae nec non Suffraganeus Ecclesiae Capituli (?) Triden- 
tini, Universis et singulis praesentes litteras inspeeturis Salutem in do- 
raino sempiternam. Splendor paternae gloriae, qni sua mundum illuminat 
ineffabili olaritate, pia vota fldelium de clementissima . . . sperantium 
Maiestate tune benigno favore prosequitur cum Sanctorum ipsorum humi- 
litas meritis et precibus adiuvatur. Cupientes igitur, ut Ecclesia sanctae 
Mariae Merningae cum tribus altaribus et Capelia sancti Mychaelis 
Archangeli una cum Cimiterio, quam in festo sanctorum Apostolorum 
Philipp! et Jacobi consecravimus secundum formam sanctae Romanae Eo- 
clesiae. 

In quibus altaribus conditae sunt reliquiae Sanctorum videlicet primo 
et Principal! [ter?] in summo altari Sanctae Mariae de Camisia et 
de Tunica sanctae Virginia, item de feretro et de crine beatae Virginia 
et de Velamine beatae Virginia. Item de Sepulchro domini et vestimentis 
sancti Jacobi apostoli, de sancta Cruce. Item de sancto Andrea, de 
sancto Laurentio. Item de omnibus Apostolis, de sancto Sebastiano, 
de sancto Valentino. Item Primi et Felieiani, item reliquiae San¬ 
ctorum decem milium Martyrum, ‘ de sancto Georio, de sancto 


* Die im Dokument mit wechselnder Zahl angegebenen Reliquien der 10 
hzw. 11.000 Märtyrer werden wohl nur eine Angleichung an die 11.000 Jung¬ 
frauen der hl. Ursula sein und identisch mit den 10.000 Märtyrern, die im römi¬ 
schen Martyrologium am 18. Mürz und 22. Juni erwähnt sind, die einen nikomedi- 
sche Blutzeugen, die andern bekannteren eine Gruppe römischer Soldaten unter 
Akatius, die nach der „romanhaften Passion” nach Bihlmbitebs Urteil (fc. Handlex. 
II, 2705) auf dem Feldzug gegen die Syrer durch eine Engelserscheinung sich 
bekehrten. Auf dem Ararat gekreuzigt, in Armenien viel verehrt, kamen ihre Re- 




184 


Miseellanea Pr. Ehrlb. III. 


Achatio, item de sancto Lyenhardo, de sancto Onofryo, de sancto 
Euperto, de sancto Nycolao, item reliquiae undecim milium Virgi- 
nnm, de sancta Maria Magdalena, de sancta Ursula, item Pantalie(?) 
Virginia, Lapis tumbae beatae Katharinae Virginia, de merra (?) san- 
ctae Elisabet ex oculis eius, Johannis Baptistae, Johannis.... vitale, 
sancti Pangratii, sancti Mauritii, de sancta Katharina, Angnetis, 
de sancta Agatha. In aliari sancti Blasii sunt reconditae reliquiae de 
baculo pastorali sancti Petri, de sancto Andrea, de sancta Cruce, de sancto 
Christoforo, de sancto Othmaro, de sancta Warbara, Angnetis, de 
sancto Virgilio Episcopo, de sancto Blas io, de sancto Erasmo, item 
de reliquiis Undecim miiium Virginum. Item tercio in altari sancti 
Jacobi sunt reliquiae inelusae: primo de capite sancti Jacobi, de sancto 
Vito, de dente sancti Laurentii, de sancto Oswaldo, de sancto 
Corbiniano, de Ossibus sancti Petri, de sancto Andrea, de sancto 
Tyburtio, desancto Erharde, de sancta Ursula, reliquiae undecim 
milium martyrum,’ reliquiae undecim milium Virginum. Item in 
altari sancti Michaelis sunt reconditae de Sancto Johanne Baptista, 
de sancto Christoforo, de sancto Undto (?), de ossibus et de pulvere 
sancti Mangni, de sancta Katherina, de sancta Sabina, Item de re¬ 
liquiis omnium Apostolorum 

congruis honoribus, frequenter et a Christi fldelibus iugiter venere- 
tur. Nos vero de omnipotentis dei misericordia et s. Virginis Mariae, 
cuius auctoritate' eonüsi, qui causa devotionis et orationis acceserint, vi- 
delicet in die dedicationis, nativitatis domini Circumcisionis, Epipha- 
niae, Parasceven, Kessurectionis, Ascensionis domini, Pentecostes, 
s. Johannes Baptistae, s. Laurentii, s. Mychahelis, in feste Omnium San- 
ctorum, sanctae Chachtherinae et in festivitatibus duodecim Apostolorum 
et praecipue in quattuor festivitatibus Beatae Mariae Virginis gloriosae et 
in Anniversario dictae Ecclesiae Merningensis, Omnibus vere poeniten- 
tibus et confessis, qui manus porrexerint adiutrices, Quadraginta dies 
criminalium et centum venialium de iniunctis eis penitentiis misericor- 
diter in domino relaxamus. In cuius rei testimonium praesentes litteras 
fieri fecimus et nostri Sigilli appensione iussimus communiri ac roborari. 
Datum in Castro Lewenberch, quarto die Maii anno ab Incarnationis do¬ 
mini millesimo Tricentesimo Quinquagesimo quarto. Indicione Septima. 


l'iquien in der Kreuzzugszeit ins Abendland. Einzelmartyrien werden den histori- 
.sehen Kern der Legende bilden. P. G. Reitlechner O. S. B., Salzburg, kennt seltene 
Darstellungen auf österreichischen Altären; Des Vaux, Les dlx milles Martyn 
1890; Weber, Die kat. Kirche in Armenien, 1003, S. 00. 

r cuius auctoritate (??): vielleicht „suffragils, intercessione” u. ä. 






A. Naegelb, Documenta et Moriumenta Tirolensia 


18& 


IIL — Das Maisee Credo, ein gotisches Fresko in der Pfarrkirche 
zu Untermais, sein Inhalt und sein Stifter, nach einer auf¬ 
gefundenen gleichzeitigen Stiftüngsurkunde (1439). 

In Bild und Wort ebenso hoch interessant als nach ihrem Ur¬ 
sprung und in ihrer Bedeutung wenig untersucht sind die Fresken 
der Pfarrkirche zu Mais bei Meran. 

Die Bilderschrift und das Schriftbild der altehrwürdigen Mais er 
Pfarrkirche in der reichen Fülle der mitteralterlichen Fresken Süd¬ 
tirols, kann nach den verschiedensten Richtungen unsere Teilnahme 
beanspruchen. An die Stelle des ältesten romanischen Gottes¬ 
hauses, an das noch der Unterbau des • Glockenturmes und der 
Triumphbogen des Hauptschiffs, beide sockellos, erinnern, trat um 
1400 der heutige gotische Chor mit dem im letzten Jahrhundert 
teilweise ausgebrannten Schiff; am Fest des hl. Blasius 1401 erfolgte 
die Einweihung durch Weihbischof Vital von Trient. Eine latei¬ 
nische Inschrift über den blossgelegten alten Gemälden bezeugt den 
Bau der Kirche des hl. Vigil nach unsicherer Lesung der durch 
Umbau wieder verschwundenen Buchstaben ums Jahr 1400, Tat¬ 
sächlich tragen die wenigstens an der Nordseite erhaltenen Fresken 
des alten Baues noch den „Idealstil“ des 14. Jahrhunderts, doch 
wurden sie laut Inschrift des wohl gleichzeitigen oberen grösseren 
Wandbilds etwas später gestiftet. Ein Hans Plaber Vilanus von 
Labers liess 1444 (?) Joachim bei seinen Schafen, seinen Traum, 
die Begegnung mit Anna an der Tempelpforte, den hl. Oswald mit 
dem Raben und Bischof Wolfgang von Regensburg mit dem Kir¬ 
chenmodell, „in herrlichen Figuren“, wie Atz in der Kunstgeschichte 
Tirols schreibt, ^ malen. Besonders zart ist die dort abgebildete 
Szene an der Tempelpforte aufgefasst: die hohe Freude über die 
Gebetserhörung und die Umarmung bei der Begrüssung. Die Bilder 
erinnern an die Terlaner Fresken, die Inschrift ist offenbar bei der 
Renovation etwas verdorben worden. Darunter sind vier Reihen 
in kleinerer Komposition im Auftrag eines anderen Stifters, Johann 
Zekolf gemalt worden. 

Ueber jeden der 12 Glaubensartikel sehen wir eine bildliche 
Darstellung. Die Apostel sind alle im Brustbild unter dem Bild je 
mit einen Glaubensartikel angebracht. Die erste Reihe zählt vier 

^ 1009, S. 73C, ■ 



186 


Miseellanea Fr. Ehrlb. III. 


Bilder und vier Glaubensartikel. Der erste ist illustriert durcli 
einen grossen Kreis, innerhalb dessen man einen Tempel, darum 
Land und Meer sieht; in der Scheibe ist Sonne, Mond und Sterne 
angebracht, Gott Vater legt in Vollgestalt die Hand auf die Erd¬ 
scheibe. Das zweite Bild mit Andreas mit dem 2. Glaubensartikel, 
stellt das Jesukind in einem runden Kreis sitzend dar. Im dritten 
Bild und Artikel mit Jakobus Major, empfängt Maria den Gruss 
des Engels, der ein Schriftband trägt mit „Ave gratia plena“, während 
die Taube Maria an der Stirn berührt. Der vierte Artikel (Johannes 
mit dem Kelch) stellt Maria vor dem Jesukind in der Holzkrippe dar. 

Die zweite Reihe umfasst nur zwei Glaubensartikel mit je einem 
Doppelbild in einem Rahmen. Im fünften Bild mit dem Apostel Mat¬ 
thäus sehen wir Christus von zwei Schergen gegeisselt, rechts davon 
Christus am Kreuz, links ein Hohepriester und zwei andere Voll¬ 
gestalten, rechts drei Köpfe, dazwischen ein Kohlenbecken oder 
Flammen auf Ständer, darunter Christus im Grab. Zwischen den 
zwei Glaubensartikelinschriften ist die des Stifters angebracht: „Hoc 
„opus fieri fecit Johannes Czekolf“. Das 6. Bild mit Apostel Jakobus 
minor führt uns Jesu Abstieg zur Unterwelt vor, Jesus, Adam und 
Eva die Hand reichend und rechts davon Christus aus dem Grab 
erstehend, ein Engel hält die Kerze, Magdalena das Salbgefäss, 
einen Wächter sehen wir unter dem Grab. 

In der dritten Reihe eröffnet Philippus das siebte Bild: Christi 
Himmelfahrt, links die Füsse Christi über den Häuptern der auf¬ 
wärtsblickenden Jünger, die in zwei Reihen gruppiert sind, rechts 
thronen Vater und Sohn, je mit der Weltkugel. Das achte Bild 
mit Bartholomäus und dem Messer als Abzeichen stellt das jüngste 
Gericht dar. Christus als Richter oder Gott Vater (?) in der ovalen 
Mandorla über dem Regenbogen thronend, links von ihm Maria 
flehend; das Schriftband über ihr bietet einen köstlichen alten la¬ 
teinischen Vers: „Amor Mariae (?) matris placat iram sui patris“; 
rechts Christus mit dem Schriftband: „0, Jhesu nate Dei miserere 
„peccatoris rei“. 

Die vierte Reihe hat wieder vier kleinere Bilder. Das neunte 
mit Thomas ist besonders geistvoll: Der Papst thront mit der Tiara 
auf dem Haupt, ein offenes Buch auf dem Schoss zeigend, auf der 
linken Seite steht: „Ubi Petrus, ibi ecclesia. S. Ambrosius“, rechts: 
„Ubi ecclesia, ibi Spiritus Dei et omnis gratia. S. Iren (aeus)“. Um 
ihn gruppiert sind links Frauen, rechts Bischöfe, Könige und andere 
Gläubige. Simon verkündet im zehnten Bild „Die Vergebnus der 





A. Naegblb, Documenta et Monumenta Tirolensia 


187 


sinden“, vor einem Palast nimmt ein Mann mit Heiligenschein den 
knienden reuigen Sünder auf, wohl der Vater den verlorenen Sohn. 
Thaddäus im elften Bild zeigt die Auferstehung des Fleisches: je 
ein Mann und eine Frau in Vollgestalt, und viele Köpfe recken 
sich von der Erde nach oben, von wo ein Engel die Posaune des 
Gerichts zur Auferstehung bläst. Den Beschluss, macht Mathias im 
zwölften Bild: Papst und Kaiser, Fürsten und Bischöfe und andere 
sind um das Lamm Gottes zur Rechten und Linken aufgestellt. 

Diese bildliche Darstellung des Credo hat ihresgleichen nicht 
in ganz Tirol. Nur im Bregenzerwald in der Kirche zu St. Jakob 
in Reuthe findet sich ein ähnliches Freskenbild in zwei Reihen, 
beide zeigen auffallende Verwandtschaft mit den Darstellungen 
«ähnlichen Inhalts in der sogenannten Biblia Pauperum. 

Wenn wir nach dem Meister des „Maiser Credo" fragen, dürfte 
es leichter sein, den geistigen Ursprung der dargestellten Bilder 
festzustellen, als den Maler, den technischen Ursprung zu erraten. 
Zweifellos hängt die untere Freskenreihe mit dem bekannten, weit 
verbreiteten Volksbilderbuch, der sogenannten Armenbibel, Biblia 
pauperum, zusammen. Hier wie dort erscheint der ganze Glau¬ 
bensinhalt von der Schöpfung bis zum Weltgericht, in beiden Chrisr 
tus als Mittelpunkt, der erwartete und der erschienene, nur dass 
im Maiser Credo nach dem Zweck der abgekürzten Darstellung im 
Rahmen des apostolischen Glaubensbekenntnisses die, Vorbilder 
Christi und Maria aus dem alten Testament treten. Hier wie dort 
haben wir nur die Illustration des Glaubenswortes, in beiden auch 
die 12 Sätze des Apostolikums als Grundlage neben dem dort noch 
beigefügten Bibelworte. In lateinischer und mittelhochdeutscher 
Sprache findet es sich z. B. in der von Schwarz herausgegebenen 
Biblia pauperum, Handschrift des Lyzeums in Konstanz, 17 Tafeln, 
■'^on Maria Verkündigung bis Maria Krönung reichend. Neben den 
gemalten Zyklen im Domkreuzgang zu Brixen und in dem ein¬ 
zigartigen Altaraufsatz in Emailwerk in Klosterneuburg, finden 
sich solche handschriftliche Belehrungen der Unwissenden („Armen 
'm Geiste“ - daher Armenbibel) in Wien (Hofbibliothek), St. Florian 
(Stiftsbibliothek), Salzburg (St. Peter), Krerasmünster, Seitenstetten, 
^■^äz; in deutschen Bibliotheken zu München, Leipzig und Köln.* 
Am auffallendsten zeigt sich die Abhängigkeit der Maiser Fresken von 

* Laib und Schwabz, ArmenVihel, 1812; Laroche, Die iilt. Bilderübeh 1881; 
•'iciiuEiBER, Uunnel, 1902, p. 1-113. 




188 


Miseellanea Fr. Ehrlb. III. 


einem der wenigen erhaltenen oder der vielen verlorenen Volksbil¬ 
derbücher, wenn wir die Art der Darstellung der einzelnen Glaubens¬ 
artikel näher vergleichen. Nähere Verwandtschaft verrät auch das 
einzige Tiroler Gegenstück in Fresko: die Bilder der Kirche St. Ja¬ 
kob in Reuthe im Bregenzerwald zeigen einfache Konturen ohne 
jede Schattierung, nur 7 oder 8 Farben sind verwendet; auf eigent¬ 
lichen Kunstwert erheben sie keinen Anspruch, weder in der Zeich¬ 
nung noch in der Farbengebung, aber in ihrer schlichten, innig 
frommen, manchmal auch naiven Auffassung des Gedankens „reihen 
sie sich den besseren Erzeugnissen der mittelalterlichen Malkunst 
würdig an“, urteilt ein Kenner wie Altz, ^ über die Reuther Bilder. 

Jedes Bild in Reuthe hat Q.uadratform von zirka 2 Meter Seiten¬ 
länge. Unter dem breiten graublauen Streifen, der es einfasst, ist 
des Text des betreffenden Glaubensartikels zu lesen. Zu den 12 
Artikeln kommen noch Szenen aus dem Leben Mariae in der oberen 
Reihe, wmhl von der gleichen Hand wie die unteren des Credo, aber 
aus der Tünche sind nur 5 gerettet -worden, vom 6., der Be¬ 
schneidung, ein Teil wieder entdeckt; nicht mehr gotisch sind die 
Buchstaben der Inschrift, sondern lateinisch. An den Anfang des 
16. Jahrhunderts oder das Ende des 15. ist die Entstehungszeit 
des Vorarlberger Zyklus wohl zu setzen. Die Maiser Bilder, in 4 
Reihen übereinander, haben in der 1. und 3. die Form kleiner Qua¬ 
drate, mit Rand 78:66 cm., ohne Rand 64:55, in der 2. und 4. Reihe 
längliche Rechtecke, mit Rand messen diese 125 cm. in der Breite 
und 75 cm. in der Höhe. 

Am meisten fällt in die Augen die grosse Uebereinstimraung 
selbst in Einzelheiten ornamentaler Art bei der Darstellung des 1. 
und 5. Glaubensartikels: die Scheibe mit Landschaft, Sternen, Ge¬ 
bäuden im Innern kehrt in allen drei Darstellungen, dem Fresko 
in Mais und Reuthe und auf dem Holztafeldruck wieder, die 
Schöpfung von Himmel und Erde sinnbildend. Der Abstieg in die 
Vorhölle und die Auferstehung hat wieder zahlreiche Berührungs¬ 
punkte, die sicher wie bei der Passion auch bei den Gehei mnisseß 
der Glorie sich' wiederholen würden, wären in Mais die letzten 
4 Glaubensartikel des Fresko nicht fast völlig zerstört gewesen. 
Maler Klein hat die Bilder in Mais glücklich nach alten Motiven 
ergänzt. Um so mehr auffallende Aehnlichkeiten ergeben sich 
zwischen den Reuther und Armenbibelbildern. 


' Kunstgesch., S. COS, 823, Kunstfreund, 1891, S. 41. 




A. Naegblb, Documenta et Monumenta Tirolensia 


189 


Dass der Meister der Maiser Fresken nicht sklavisch an eine 
Vorlage sich gehalten, mag die Verschiedenheit in der Darstellung 
des zweiten und siebten Artikels des apostolischen Glaubensbekennt¬ 
nisses beweisen. 

Nach dem fachkundigen Urteil Atz’ * ist der Chor in Reuthe 
Ende des 15. Jahrhunderts oder etwas später mit den 2 Reihen 
Bildern bemalt worden. Sie sind also wohl etwas später als die 
Maiser Fresken entstanden. Nicht unmöglich ist, dass die Bilder in 
Mais Anregung dem Reuther Meister gegeben haben, dass also die 
Abhängigkeit der Vorarlberger Gemälde von den Südtiroler eher 
anziinehmen ist als umgekehrt. Irgend eine Ausgabe der sog. Armen- 
bibel, Biblia pauperum, mag dem Meister in Untermais als Grund¬ 
lage für seinen Zyklus gedient haben, oder auch gemeinsame Quelle 
für beide gewesem sein. Die Uebereinstimmung im Wesentlichen 
ist doch zu auffällig. 

So schwebt ein tiefes Geheimnis über den nach Inhalt und Form 
iioclibedeutsamen mittelalterlichen Fresken der Maiser Pfarrkirche. 
Ungelöst ist bislang das Rätsel ihres Ursprungs, völlig unbekannt 
der kunstvolle Meister des im freskenreichen Tirolerland einzig¬ 
artigen Gemäldezyklus. Unsicher, nur annähernd stillistisch fest¬ 
stellbar ist die Zeit ihrer Entstehung, trotz Wiederauffrischung von 
Bild und Text, schwankend das Urteil über die Kunstrichtung. 
Ueber allen Zweifel klar ist nur der deutsche Charakter, wie der 
Sprache des Glaubensbekenntnisses auch des Stils der Darstellung 
des apostolischen Symbols. Mitten unter den 12 bildlichen Darstel¬ 
lungen ist eine lateinische Inschrift angebracht zwischen dem 
0. und 6. Glaubensartikel: „Hoc opus fieri fecit Johannes Czekcolf“, in 
deutscher, spätgotischer Minuskelschrift, wie. die übrigen deutschen 
Sätze des Credos, mitten unter den 12 Bildern mit ihren zw'ölf deut¬ 
schen Unterschriften eine lateinische. Inschrift. Diese will zweifellos 
den Stifter der Bilder nennen; ist’s, ein Priester, Pfarrer der 
Kirche oder ein glaubenseifriger, gebefreudiger Laie gewesen? 
Wenn erstere Annahme zutreffen würde, wäre wohl sicher wie ander- 
^'ärts in Bauwerken, bei Skulpturen oder Malereien der Amtstitel 
des priesterlichen Donators genannt. So aber werden wir der zweiten 
■Annahme zuneigen müssen. 

Wer trug den glücklicherweise verewigten, noch lesbaren Namen, 
■der in der erneuerten Schrift fast tschechisch in der ersten Silbe, 



190 


Miscellanea Fr. Ehrlb. III. 


echt deutsch in der Endung klingt ? Bislang war nur bekannt, dass 
ein Zekolf einen Jahrtag in der Pfarrkirche gestiftet habe Anno 1436.' 
Beides hat sich an der Hand des gefundenen Dokumentes als un¬ 
richtig erwiesen. Auf der vergeblichen Suche nach dem in der 
anderen Maiser Ereskeninschrift genannten Vilanus Pia her in La- 
bers fand ich, zufällig an ganz anderem Ort, eine Notiz über Schloss 
Knillenberg in Obermais, heute im Besitz derer von GiovanellL 
Dieser Ansitz wurde 1513 von dem tapferen, aus dem bayrischen 
Mittenwald stammenden Türkensieger Andreas Knillenberg erworben 
und hernach vom Kaiser Maximilian I. zum Adelssitz erhoben. Er 
hiess ursprünglich Zekolf. Kein Zweifel, die früheren Besitzer dieses 
Hofes und Hauses vor dem Knillenberger, deren Namen ihm ge¬ 
blieben, Messen Zekolf. Einer dieser Hofbesitzer wird das Bild in 
Untermals gestiftet haben. Zur Gewissheit wird diese auf einwand¬ 
freiem Wege kombinierte Annahme durch ein urkundliches Doku¬ 
ment, das der hochverdiente Archivar des Stiftes Stams, P. Kassian 
Primi SS er, der Verfasser der Stamser Annalen und ihres später 
angelegten Auszuges der „Maiser Annalen“, vor zwei Jahrhunderten 
aus dem Autograph abgeschrieben und seiner Chronik im Anhang 
seines handschriftlichen Werkes einverleibt hat. Darnach hiess der 
Stifter des Jahrtages ebenso wie der auf dem Fresko genannte Stifter. 
Er war zu Obermais gesessen, also zweifellos auf dem früher nach 
ihm genannten, später Knillenberg umbenannten Schloss, dem „An¬ 
sitz Zekolf*. 

Zum Jahr 1439 verzeichnen die 1808 und 1813 von P. Kasimir 
Schnitzer und Benno Vogelsanger 0. Cist. in Mais angelegten Annales 
Maienses die Stiftung des Guntherus Fragsburgi Sacellanus für die 
Kirchen der hl. Jungfrau Maria (heute Maria Trostkirche) und des 
hl. Vigil, der heutigen Pfarrkirche, Weinberge, und des Johannes 
Zeckolfus für die Kirche des hl. Georg (heute Obermaiser Kirche); 
den Zehent und andere Einkünfte „pro anniversario“. Der Wortlaut 
der ebenso kurzen als wichtigen Stiftungsurkunde soll hier erstmals 
mitgeteilt werden. Vielleicht ein Sohn dieses Hans Zeckolf, Georg 
Zeckolf, stiftete einen Jahrtag an der ebenfalls Stams inkorporierten 
Pfarre St. Peter hinter Tirol im Jahre 1497. Als dessen Sohn ist 
urkundlich bezeugt Paul, zur Zeit der Stiftung noch „pupillus“ (d. h. 
unmündiger Waise). 


1 Atz, Kunstgesch., S. 736. 



A. Naegelb, Documenta et Monumenta Tirolensia 


191 


Stiftung eines Jahrtages durch Hans Zekölf von Obermals für die St. Georgs¬ 
kirche 1439, Dezember 21. 

Copie in Annales Maisenses, Hs. Pfarrarchiv Mais, p. 215. 

Ich Hans Zekolf, gesessen zu Obermays, vergich, das ich dem üben 
Herrn Sand Jorgen seiner Cappell, die gelegen ist in Mayser pharre, durch 
geluck und hail meiner sei ingeantwurt han: Nämlichen einen Zehenten 
aas etlichen Aucken, ze behalten dem Pharrer sein viertailz, item zway 
phund perner ewiges gelts aus dem garten ob meinen haus. Darwider soll 
mir ain yeglich Sand Jergen Chirchprobst all iar pegeen und halten meinen 
Jartag in Sand Jorgen Cappell mit ainem gesungenen Selampt und mit 
ainer gesprochenen Mess. Davon soll ain Chirchprobst dem Pharrer ix 
groschen geben. 

Vierzehenhundert Jar und darnach in den Nevn und dreyssig isten 
Jar an Sand Thomastag des Zwelfpoten. 

Wahrscheinlich sind auch die 2 Wappen in der Umrahmung 
des Fresko in Untermais Zeugnisse der Stiftung. Links sehen wir 
in der Mitte des gemalten Rahmens einen Wappenschild, dessen un¬ 
tere Hälfte ein Balken mit drei Zacken füllt; rechts scheint im Schild 
ein Berg oder Hut (?) mit Eicheln gemalt. Eines jedenfalls bezieht 
sich auf Zekolf, das andere auf Plaber oder von Plabeurn. Seit meiner 
ersten Veröffentlichung über den Namen des Stifters * habe ich noch 
einige weitere Notizen über diese Familie gefunden. Ein Martin 
Zekolf von Brixen ist an der Wiener Universität im Jahr 1411 
immatrikuliert. ^ Hans Zeykolff als Pfleger auf Zwingenburg mit 
Fischrecht in dem Gebiet der Grafen Brandts bezeugt eine Urkunde 
im Archiv Brandts zu Lana. ^ Wahrscheinlich derselbe Hans Ze- 
cholff, von Meran gebürtig, vermählt mit Barbara Goldeggin, die 
noch 1461 lebte, ist es, den nach einer handschriftlichen Notiz eines 
früheren Maiser Pfarrers ein alter Pergaraentstammbaum der Gol- 
^egger zu Lana 1443 erwähnt. Die Zekholf wurden oder waren 
fm Jahr 1551 Tirolischer Landstand. * Ein Siegel der Zekholf 1430 


* Purggräfler, 1923, Nr. 27. 

2 Solllern. 1920, S. 296. 

® ArchivhericMe a. Tirol I, S. 268. 

* B. Webeb, Tirol 11, S. 366; Staffleb, Tirol II, S. 647. Die Adelsinatrikel 
''imnt die Zekolfs Erben landständisch. 




192 


Miscellanea Fb. Ehelb. III. 


hatte die Sammlung Pfaundlers in Innsbruck, jetzt im Ferdinandeum. 
Im Jahre 1513 hatten die Edlen von Zekholf noch den später Knilien- 
berg genannten Ansitz, * Noch 1500 hiess nach Tarneller das Schloss 
„Zeckolfs Paur“ (= Bau). ® 

IV. — Die St. Helenakirche auf der Töll und ihre Weiheurkunde 

VOM Jahr 1458. 

Nur eine stattliche Kapelle mit kleinem Mesnerhaus steht einsam 
an der Strasse von Meran nach Mals im Vinschgau, und doch ist 
diese weltverlassene Stätte ein Denkmal geschichtlichen Lebens von 
2 Jahrtausenden. Römische Funde lassen hier einen Tempel der 
Diana und eine Zollstätte vermuten, die an der von Kaiser Claudius 
vollendeten Strasse errichtet wurden. Den in der Innsbrucker Uni¬ 
versitätsbibliothek erhaltenen Sockel des Dianaaltars ziert eine la¬ 
teinische Inschrift, nach der im Consulat des Praesens (180 p. Ch.) 
Aetetus, Prokurator der Zollstation Maia - die einzige Erwähnung 
des vielumstrittenen Namens des heutigen Mais - Bild und Stein 
der Göttin gewidmet hat. ^ Wohl nicht lange nach dem Zusammen¬ 
bruch der Römerherrschaft hat sich am Eingang ins Venostental 
ein Kirchlein sich erhoben. Auf Spuren romanischen Bauwerks 
weisen die vermauerten Rundbogenfensterchen am gotischen heu¬ 
tigen Bau. Marienberg und Chur hatten nach Goswins Chronik 
schon 1160 „subtus Teiles“ Besitzungen.'* Im Stiftsbrief des Kart¬ 
häuserklosters Schnals wird dasselbe 1326 erwähnt. Die seit dem 
14. Jahrhundert nachweisbaren Zöllner auf der Töll haben vielfach 
Stiftungen für die Pfarrkirche in Partschins wie für die Neben¬ 
kapelle hinterlassen, so vor allem Anna von der Töll, Hansen Zöllners 
Gattin, die ihren Ansitz auf der Töll 1470 zu Gunsten des Frühmess- 
beneflziums vermachte, 


1 B. Weder, Meran, 1845, S. 118 (Kauf ilurch AnUreas von Knillenbsvg 1313)- 

2 T.4KNELLEB, llopiamcn d. BurggrafenamU, 1010, S. 280. 

3 Atz-Sciiatz, D. deutsche Anteil d. Bist. Trient IV, S. 3G1; Atz, Kunst¬ 
geschichte V. Tirol, S. 43. 

* Go.swin, Chronik ecl. Schwyzer, S. 39, 51, 1G4. 

5 Atz-Scüatz, IV, S. 303, 372, über Hieronymus Baldimg als Zöllner inn' 
andere wor und nach ihm; Naegele in Heimat 1923 [Meraner Zeitung) Nr. ~ 
und 3. 





A. Nabgelb, Documenta et Monumenta Tirolensia 


193 


„Litera confirmationis capelle S. Crucis auf der Telle“. * Chur 1458, Mai 13. 

Pfarrarchiv Partschins, Originalpergament mit Wachssiegel. 

Nos Leonardas,® Dei et apostolicae Sedis gratia Episcopus Ecclesie 
Curiensis Notum facimus Universis et singulis praesentes litteras inspe- 
eturis, lecturis seu audituris, quod nos anno domini millesimo quadringen- 
tesimo quinquagesimo septimo, dominica prima Adventus domini, quo in 
Ecclesia Del decantatur officium misse Ad te levavi, Capellam® intra li- 
mites parochialis ■* ecolesiae sancti Petri in Partschins nostrae Curiensis 
diocesis ® cum tribus altaribus in ea constructis in nomine sanctae et in- 
dividuae Trinitatis sub vocabulo sanctae crucis® necnon sanctae Helenae 
cum altari supremo, altare autem in dextero ’ ab introitu sub titulo san- 
ctorum Laurentii, Viti et Sebastiani martirum, altare vero in sinistro la- 
teribus in honore sanctae Annae ® matris Mariae necnon Agnetis, Barbarae 
et Katharinae virginum et martyrum, divina nobis opitulante gratia per 
nostrae manus impositionem rite consecravimus. Dedicationem vero iam 
dictae Capellae dominica sequenti statuimus et indycimus congrua sollemni- 
tate celebrari. Unde omnibus vere penitentibus confessis et contritis, qui 
praecipuis anni [festivitatibus] videliczet Natalis, Circumcisionis, Epyphaniae, 
Paschae, Ascensionis, Penthecostes, Trinitatis necnon singulis beatae Mariae 
rirginis scilicet Conceptionis, ® Nativitatis, Annunciationis, Visitationis, Puri- 


* Der Name Teil kommt im Wortlaut der Urkunde nicht vor, ist aber in den 
beiden Dorsalnotizen auf dem Pergament genannt. 

* Ijeonhard Wissmair, Priester aus Salzburg, Kanzler Sigismunds, Pfarrer 
von Tirol 1446, 1450 zum Bischof von Brisen gewählt, aber nicht bestätigt, dafür 
nm dieselbe Zeit zum Bischof von Chur gewählt, aber wegen seiner Beziehungen 
zum Baseler Konzil erst 1456 vom Papst bestätigt. Tirol durchreiste er 1457 und 
weihte selbst das Kirchlein auf der Töll kurz vor seinem Tode 1458; s. Atz-Sciiatz, , 
IV, S. 294. 

® Nie ecclesia, also nur von kleinem Umfang. 

^ Der I’lurname Teil kommt im Dokument nicht vor. 

® Alles Gebier rechts der Passer gehörte zum Bistum Chur. 

® Heilig Kreuz als Titel jünger gegenüber den seit 14. Jahrhundert öfters 
hach Tabneller, Hofnamen, S. 103, benannten St Helena. 

’ Jedenfalls Epistelseite, da der Eingang einst wie heute an der Westfassade 
Ist. . . 

® Wohl zu Ehren der Stifterin der Frühmesse in Partsehins Anna von der 
füll; erste Spur der Verehrung ln Rom 1307, Fest für die ganze Kirche 1584: 
s. Buchbesgeb, K. Handlex. 1, S. 534. 

® Frühe Bezeugung des erst 1854 allgemein kirchlichen Festes der Imma¬ 
culata Coneeptio; Das Konzil von Basel hatte eben um diese Zeit die ftommc 
Heiuvmg der Theologen über dies Geheimnis verteidigt und belobt; s. Zeits. f. Icath. 

1904, s. 75S. 


^‘»cdUmea Fr. Euble. III. 


13 





194 


Miseellanea Fr. Ehrle. III. 


flcationis et Assumptionis, Omniumque Sanctorum, ac in commemoratione 
omnium animarum sanctorumque Petri et Pauli et aliorum apostolorum, ac 
potissime dedicationis et patronorum tarn Capellae quam altarium festivi- 
tatibus et in octavis temporum * festorum Octavas habentium singulisque 
dominicis diebus dictam Capellam remissionis gratia devote visitaverint et 
ibi missam seu praedicationem verbi Dei usque ad finem audierint seu 
ad fabricam pro melioratione structurae et augmentatione divini cultus 
manus porrexerint adiutrices vel qui in pulsatione angelicae salutationis * 
ter Ave Maria devote oraverint vel qui pro nobis et salute nostri Status 
unara dominicam orationem eum salutatione angelica sub officio missae ibi 
durante dixerint, quotiens praemissa vel aliquid praemissorum attente et 
devote perfeeerint, de omnipotentis Dei misericordia ac beatorum Petri et 
Pauli Apostolorum conflsi suffragiis Quadraginta dies Indulgentiarum de 
iniunctis eis penitentiis in domino misericorditer relaxamus. Insuper notum 
facimus universis, quod proxima die post praedictam dominicam Adventas 
divina nobis cooperante gratia Cimiterium praedictae parochialis Eo- 
clesiae in Partschins iuxta formam sanctae Eomanae Ecclesiae reconcilia- 
vimus. ® Unde Omnibus vere penitentibus, qui in praemissis festivitatibus 
dictam ecclesiam devotionis causa visitaverint aut ea vel aliquod eorum, 
quae praemittuntur, fecerint seu qui in proeessione sabbativis noctibus'‘ 
eclesiam circuerint pro defunctis devotius exorando aut ad capellam ibidem, 
dum decantatur Salve Eegina, se humiles et devotos praesentaverint (?) ^ 
similiter quadraginta dies indulgentiarum de iniunctis eis poenitentiis re¬ 
laxamus. In quorum omnium praemissorum testimonium praesentes litteras 
nostri Episcopalis Sigilli iussimus appensione muniri. Datum Curiae in Aula 
nostra Episcopali die terdecima mensis Maii Anno domini 3Iillesimo qua- 
dringentesimo quinquagesimo octavo. ® 


1 Temporum (??): omnium? dierum? 

2 Prtihes Zeugnis für den Gebrauch der Angelusgloeke, Ende des 13 . Jabr- 
hunderts Abendlüuten, dann MittagslUuten am Freitag (Angstglock) und schliess- 
üeh tügliches LUuten ln der Zeit der Türkennot durch Papst Calixt 1452 einge- 
fuhrt; 3maliges Gelüute als zusammengehöriges Gebetläuten erst im IG. Jahr¬ 
hundert bezeugt; s. Z. f- l'* Th., 1904, S. 394 ff., K. JBandlent. I, S. 222. 

3 Ursache der Entweihung des Gottesackers unbekannt. 

■* Ob Salve Andacht mit Abendprozession am Samstag, Sonnabend ? Vgl. Uris- 
SEL, Qcschichte der Marienverehrung in Deutschland im Mittelater, 1909, S. 222 ff- 
Uber Salvelegenden JIerc.vti in Bassegna Qregoriana, 1907, S. 43 ff. 

5 Oder: devoti prostraverint? Unsichere Abkürzung. 

6 Gut erhaltenes rotes Siegel mit Madonnenbild und Umschrift in brauiw® 
Wachs. 




A. Naegele, Documenta et Monnmenta Tirolensia 


195 


V. — Neue Spüren von einem Meister des Lanaer Hochaltars. 

Der grösste Flügel- und Sehnitzaltar, den das kirchen-und kunst¬ 
reiche Tirol hervorgebracht hat, ist der Hochaltar in Unserer Lieben 
Frauen Pfarrkirche zu Lana bei Meran. Dem Umfang nach steht 
er nur wenig dem allergrössten Altarwerk, der Schöpfung Michael 
Pachers in St. Wolfgang am Attersee> nach, und Avenn wir der 
zuverlässigen Ueberlieferung glauben dürfen, dass unter einem der 
früheren Pfarrherren vom Geist der alten Bilderstürmer anlässlich 
einer Renovation im Jahre 1824 eine ganze Wagenladung von Schnitz- 
werk weggeführt worden seien, wie alte Leute dem verewigten 
Kunstfreund und Kunstforscher Karl Atz, Benefiziat in Terlan, k. k. 
Konservator, zu erzählen Avussten, ^ so muss das ganze Werk mit 
seinen verschwundenen, den Schrein flankierenden Anbauten ah 
Pracht und Grösse dem Altar in St. Wölfgang oder dem ähnlich ver¬ 
stümmelten Meisterwerk des Hans Multscher von Ulm in der Ster- 
zinger Pfarrkirche fast gleichgekommen sein. Das Kleinod der herr¬ 
lichen gotischen Kirche, deren Bau nach der noch erhaltenen Por¬ 
talinschrift 1483 vollendet, am 15. April 1492, einem Sonntag, zu 
Ehren der Himmelfahrt Mariä vom Weibbischof Konrad von Brixen 
mit Bewilligung des Bischofs Ulrich von Trient eingeweiht wurde, 
bietet trotz aller Forschungen der ersten Kunsthistoriker Tirols wie 
Atz, ^ Graus, ^ Semper, Stiasny ® u. a., der Rätsel noch immer 
genug. . 

Wohl ist der Name des Meisters seit nicht allzulanger Zeit 
erst bekannt geworden durch ein Regest von Ottenthal in den Ar¬ 
chivberichten aus Tirol. ® Die ganze Urkunde soll hier ira genauen 
Wortlaut veröffentlicht werden. ■ 

Aber was Schnatterpecks Werk ist, ob die nach Zahl, Grösse 
und Ausdruck hochbedeutsamen Schnitzarbeiten oder die weniger 
bedeutenden Malereien aus dem Leben und Leiden Jesu auf den 


' Atz-Schatz, Der deutsche Anteil des Bistums Trient, IV, S. 24. 

* Kunstgeschichte von Tirol, 2 A. 1909, S. 463, 672. 

ä Kirohenschmuck, 1905, Heft 9; Kunstfreund, 1888, S. 76. 

* Brixener Malerschulen, S. 126 (Zs, des Ferdinandeum 1891); wiederholt in 
K. und M. Pacher und ihr Kreis, 1911, S. 118. 

® Mitteilungen der Zentralkommission, 1892, S, 17 ff. 

Arehivlerichte aus Tirol, 1888, S. 232. Weiteres erstmals v. V. in SüUHroler 
^^«deszeitung, 1921. 



196 


Miscellanea Fr. Ehrlb. III. 


Flügelrückseiten oder beide plastischen und malerischen Bildwerke 
mitsamt deren gewaltigen architektonischem Aufbau von ihm stam- 
inen, oder ob er nur als Unternehmer den Vertrag über Lieferung 
des Altarwerks übernommen und endlich, ob er auch nach Herkunft 
wie zweifellos nach seiner Malweise mit der schwäbischen Schule 
um die Wende des 15. zum 16. Jahrhundert im Zusammenhang 
steht - das sind Rätselfragen, die noch heute der Lösung harren. 
Einen kleinen Beitrag, wenigstens einen Baustein von festerm Ge¬ 
halt als formalkritische Hypothesen einzelner Kunsthistoriker der 
jüngsten Vergangenheit, vermögen die nach langem Suchen in Lanas 
Umgebung endlich in dem Sakristeikasten der Pfarrkirche gefun¬ 
denen Originalurkunden zu liefern. 

Die erste, ein Pergament mit Siegel des Meraner Bürgermei¬ 
sters Mynnig Swäbl ' in prächtiger gotischer Minuskelschrift, ent¬ 
hält den Vertrag des Malers, Bürgers und Ratsherrn „an Meran“, 
Hans Schnatterpeck, mit dem Vertreter der Pfarrgemeinde in 
Bausachen, Baumeister Konrad Haug in Niederlana („Nyderlanach'j 
und Peter Saltner zu Oberlana als derzeitigen „gwaltigen Kirchen- 
brobsP', über Erstellung einer „Tafel“, d. h. eines Flügelaltares mit 
Schnitzereien in Schrein und Aufsatz und Gemälden an den Aus- 
senseiten der Flügel. Diese Tafel für den Frauenaltar der Marien¬ 
kirche zu Lana, die Ende des 15. Jahrhunderts (1483 laut Portal¬ 
inschrift) ^ an die Stelle einer älteren romanischen trat, sollte „schön 
neu artig, wohl formiert, nait gutem, feinen Dukatengold vergüldet, 
auch mit guter beständiger Farbe, Arbeit und Zeug meisterlich ge¬ 
macht, gemalt und zugerichtet werden in des Meisters eigener Kost, 
Speys, Zeug und Darlegen“ innerhalb der nächsten 8 Jahre. Das 
Eisenzeug zu der Tafel und das Gerüst dazu soll die Nachbarschaft 
zu Lana liefern und herführen. Eine sachverständige Kommission, 
von je drei Vertretern der beiden Parteien gewählt, mit einem Ob¬ 
mann, soll nach Vollendung des Werkes zur Besichtigung erscheinen 
und festsetzen, ob von dem ausbedungenen „lohn“, 1600 fl. Rhei¬ 
nisch, etwas abgezogen oder zugeschlagen werde. Auch die Zali- 


‘Andreas Swäbl war Dekan des Augustinerstiftes St. Zeno zur Zeit des 
grossen Brandes in Reicüenhall 1514, er verfasste eine von dem Clironisten August 
Landsperger 1054 benützte Klosterchronik, die Dannegger- Ins Deutsche übersetzt 
herausgab. Ein Abenteurer, wandernder Händier mit Goldwaren, vielleicht selbst 
Goldschmied, w-ar der aus Ulm gebürtige Hans Swäbl, der 1465 in Meran auf- 
tauchte. - 

2 Diözesamrchiv von Schwaben, 1001, S. 10; Atz-Schatz, IV, 190T, S. 22. 







A. Nabgele, Documenta et Monumenta Tirolensia 


197 


lungsweise, teils in Geld, teils in Fudern Weins, wird ausgemacht. 
Auffallenderweise teilt auch die mehrfach erwähnte Frau des Ma¬ 
lers Hans Schnatterpeck die Verantwortung an der Erfüllung der 
Vertragsbedingungen. Diese Barbara war ^ die Tochter des Leon¬ 
hard von Halling. Von den in der Urkunde genannten Insigelzeugen 
gehört Jörg Tandl ^ ebenfalls einer alten Meraner Bürgerfamilie an, 
der auch Hans Adam Tändl, der Erbauer der Schlosskapelle zu 
Helmsdorf 1607, Vetter des Lanaer Pfarrers Johann Christoph von 
Ilelmsdorf, entstammt. Er selbst wurde 1520 Bürgermeister. 

Ist Hans Schnatterpeck, der sich in dem Dokument vom Jahr 
1503 als „Maler“ bezeichnet, nur der Meister der 4 Tafelbilder auf 
der Rückseite der beiden Flügel: Christus am Oelberg, Verhör vor 
Kaiphas (Evangelienseite); Geisslung und Kreuztragung (Epistelseite 
rückwärts) ? oder gehören ihm nach dem das ganze Werk umfas¬ 
senden Ausdruck „Tafel“ auch die Reliefs der Innenfiügel: Ver¬ 
kündigung der Menschwerdung an Maria, Geburt Christi (Eyange- 
üumseite), Beschneidung und Anbetung der Könige (Epistelseite), 
sowie die grossen und kleinen Vollfiguren in Gruppen und Einzel¬ 
bildern an ? Es wiederholt sich hier dasselbe Dilemma wie bei dem 
bekannten Tiroler Meister Michael Pacher von Bruneck, dessen Haupt¬ 
werke in St. Wolfgang, Gries bei Bozen und Sterzing teilweise oder 
ganz erhalten sind; bis heute aber ist die Frage, ob Pacher Maler 
oder Bildschnitzer oder beides war, nicht allgemein entschieden, so 
wenig wie bei Hans Multscher, dem Schöpfer des Sterzinger Altars, 
trotz der neuerdings gefundenen, unzweideutigen Akten, wie sie kaum 
bei einem zweiten grossen Altarwerk vollständiger erhalten sind, 
Jedenfalls ist Pacher nach dem Vertrag mit dem Grieser Augusti¬ 
nerklosterprälaten, bezw. der Gemeindevertretung von Gries im Jahr 
1471 die Ausführung beider Arbeiten übertragen worden, ^ 

Bei der überragenden Bedeutung der Plastik an solchen Tripty- 
hen wird der Einfluss des Meisters als Unternehmers hauptsächlich 
sich auf die Bildwerke erstreckt haben, ob er selbst die Schnitze¬ 
reien oder ob Gesellen sie ausgeführt haben. Silvester Meller, „Maler“, 
®rhait 1507 den Auftrag einer Bozener Bruderschaft der Wund¬ 
ärzte, Barbiere und Bader, eine „Tafl“ zu machen, die nach den 
überlieferten genauen Angaben aller geforderten Bildwerke wohl der 

‘ Vergleiche Der Burggräfler, 1899, Nr. 24; Kunstfreund, 1899, S. C5. 

^ SxAiiPFEB, Chronik von Meran, S. 324. 

’ Atz, Kunstgeschichte, S. 531; Sempeb, Ztschr. d. Ferdinandeums, 



198 


Jliscellanea Fr. Ehrlb. III. 


flgurenreichste Altar in Tirol wäre, wenn er uns erhalten geblieben 
wäre. Wolfgang Asslinger dem „Maler“ ward der grosse Altar zu 
Heiligenblut in Kärnten nach der Inschrift von 1520 zugeschrieben. 
Und Hans Multscher wird von seinem neuesten Biographen H. Th. 
Bessert ^ hauptsächlich die Urheberschaft an den 7 Vollfiguren am 
Sterzinger Altar zugeschrieben, die Malereien sollen nach den „Ris¬ 
sen“ des Meisters von Gesellen ansgeführt worden sein. 

Zweifellos verraten auch beim Lanaer Altar Gemälde und Bild¬ 
werke zweierlei Hände; die Plastik zeigt mehr Pacherischen Cha¬ 
rakter, wie denn auch vor Bekanntwerden der urkundlichen Notiz 
dem grossen Brunecker Meister oder seiner Werkstatt die Skulptur¬ 
arbeit zugeteilt wurde, während die Flügelbilder ausgesprochen an 
Hans Schäufelein von Ulm erinnern. Semper weist die Verwandt¬ 
schaft der Lanaer Bilder mit dem im Nürnberger Germanischen Mu¬ 
seum aufbewahrten Passionstafelbild Schäufeleins nach, insbesondere 
die auffallende Aehnlichkeit der beiden Veronika-Darstellungen.^ 

Doch könnte mit gleichem Recht auf Grund solcher Verwandt¬ 
schaft in Einzelzügen an den Maler des Fassadenbildes am Portal 
der Meraner Pfarrkirche^ Markus Assfahl, ebenfalls ein Schwabe, 
nach Becks Entdeckung der Meister des zerstörten Altarwerkes in 
Reutlingen von 1516, gedacht werden. 

Kaiser Maximilian I. zog für seine hohen Künstlerpläne zahl¬ 
reiche Schwaben nach Tirol, die auch nach dem Tod des kunstsin¬ 
nigen Mäzens dort blieben; und seit Multschers Wirksamkeit in 
Sterzing verstärkte sich dieser Einfluss der „ausländischen“ Künstler. 
Weist ja eine handschriftliche Notiz auch den früheren Aufenthalt 
Schnatterpecks in Sterzing nach, was nicht ausschliesst, dass er im 
Gefolge des grossen Ulmer Meisters oder seiner Werkstatt nach 
Südtirol kam. Sein Name'* scheint nicht tirolerischen Ursprungs 


1 Zs. FenUnanilciim, 1914', obUa, 1892, S. 550. 

2 lirixcner Maler, S. 12G; ebenso gleichzeitig oder nach seinem VorgünS*^! 
Stiassny, S. 22. 

3 Diözesanarchiv von ScliiraVcn, 1889, S. 91 ff.; 1901, S. IC. 

^'Ableitung der im Schwäbischen so häufigen Namensendung äuf -beck von 

bach, vielfach von Etymologen vertreten,' höchstwahrscheinlich neben anderen 
Namen wie Hartenbeck aus Gmünd in Innsbruck und Hall tätig im IG. Jahrhundert: 
Schlotterbeck, Hilfenbeck und andere wie Erlpeek Christoph, Deutschordenshaus- 
amtmann in Sterzing 1541. (siehe Fiscii]s*ali.eb, Sterzinger Urkunden, Nr. G59). 
Hier sei nur auf die sogenannte „Schnatterbüchso” ln Bozen unterm Madonnenbüfii 
der sogenannten „Piappermntter” am lÄiwenportal hingewiesen'(siehe Spornbebgöi 
Pfarrkirche von Bozen, S. 54. 






4 


A. Nakgelb, Documenta et Monumenta Tirolensia 199 


ZU sein und seine Kunstübung weist erst recht nach Schwaben. Es 
sind Schäufeleins „mittelgrosse, strukturlose Gestalten mit den voll- 
wangigen, etwas einförmig idealisierten Köpfen, an denen das kleine, 
runde Kinn, die tiefeingeprägten Mundwinkel, die verhältnismässig 
grossen, aber nichtssagenden Augen und die flache Stirn auifallen; 
auch die länglichen Hände und Füsse mit starkknochigen, scharf 
urnrissenen und gern gerade ausgestreckten Fingern, den dicken Zehen 
und dgl. kehren wieder“. 

Für die Kenntnis der Persönlichkeit des Malers mag 
eine Gestalt im dritten Bild des Passionszyklus von Bedeutung sein. 
Der Zuschauer bei der Geisselung Christi abseits der. wilden Rotte 
und der unteren Ecke rechts vom Beschauer aus, fällt durch Klei¬ 
dung, besonders die Künstlermütze, wie durch die edlen Züge auf, 
so dass wir nicht mit Unrecht wie in mündlicher Aeusserung dem 
greisen Terlaner Benefiziaten Atz gegenüber der Kunsthistoriker 
Jännicke es getan, die Vermutung hegen und aussprechen dürfen, 
es werde das Porträt öchnatterpecks, das Selbstkonterfei des Malers 
sein, b . , 

Der schwäbisch-ulmischen Eigenart der Malerei gegenüber hat 
die Plastik, die hier wie bei all den meisten Flügelaltären nach 
Qualität und Quantität den ersten Platz einnimmt, einen etwas anders 
gearteten Charakter. Vor allem sind es die 2 Hauptgruppen der 
Dreifaltigkeit in der unteren Reihe und der Krönung Mariä in dem 
oberen beherrschenden Hauptfelde des Schreins, die ins Auge fallen, 
eine geniale Konzeption, deren Anordnung, Zusammenhang und 
Bedeutung in ikonographischer wie dogmengeschichtlicher Bezie¬ 
hung noch nicht genügend gewürdigt, geschweige denn erschöpft 
>st. Ohne uns hier auf eine Beschreibung des Altarwerks einzulas¬ 
sen, die Atz und Semper, sowie Graus und Stiasny mehr inyentar- 
mässig erschöpfend bieten, hebe ich bei dieser Gelegenheit nur die 
meines Wissens nirgends nachweisbare grossartige Verbindung zweier 
Zentralgedanken hervor: Das Geheimnis des Altares, des Mittel¬ 
punkts des ganzen katholischen Kultes, zuerst in seiner blutigen Dar¬ 
stellung am Kreuz, die Hingabe des Sohnes durch den Vater, der das 
entseelte Kreuzesopfer im Schoss hält, und dann seine unblutige Er¬ 
neuerung im hl. Messopfer, über dessen Schauplatz, der Altarmensa, 
<Be Gnadenstuhlgruppe sich erhebt. Diese Gruppe, deren Typus eine 
ziemlich seltene Dreifaltigkeitsdarstellung ist, finden wir in Tiroler 

* Atz-Schatz, Der deutsche Anteil des-Bistums TrienJ IV, S. 23, A. 2.. 




200 


Miscellanea Fh. Ehrlb. III. 


Grosskunst nur noch dreimal: am Hochaltar der Kirche zu.Latsch im 
Vinschgau und zu Pflach bei Breitenwang in Holz, am Portal der Spi¬ 
talkirche zu Meran in Stein gehauen und im Deckenfeld gemalt, ferner 
an einem Grabstein in Neustift bei Brixen.' Heber dieser tiefsinnigen, 
Kreuz und Altar verbindenden Darstellung erhebt sich wie über dem 
blutigroten Vollmondscheine des Karfreitags die lichte Gloriensonne 
des Ostertags. Die Verklärung Mariens durch den Gottessohn, die 
Feier des Kirchenpatroziniums auf dem Fronaltar von Unserer lie¬ 
ben Frauen Pfarrkirche und über diesen abgrundtiefen Mysterien 
von Himmel und Erde, von Krippe, Kreuz und Altar wölbt sich 
gleich herrlichen Domhallen das wunderbare Geäst und Gestell des 
Altaraufsatzes mit Nischen und Pfeilern und Fialen in schwindeln¬ 
der Höhe bis zum Chorabschluss gegen 13 m. hoch (der Schrein ist 
4.70 m. hoch, 3.60 m. breit). 

Mir dünkt: In der Unmenge von Figuren, gross und klein, zu 
der noch eine heute verschwundene, einst eine ganze Wagenladung 
füllende Ueberfülle von Gestalten aus der heiligen Sippe und dem 
Stammbaum Christi oder der Wurzel Jesse kam, lebt und webt 
Pachersche Kraft mit Multscher’s Anmut gepaart, schwä¬ 
bisches und tirolisches Erbteil vereint, in dem nach Her¬ 
kunft und Wirkungskreis beiden Ländern angehörenden Meister 
Hans Schnatterpeck oder wenigstens in seine Werkstatt, deren Wurzel 
nach Ulm, deren Krone nach Sterzing weist. Kein Zweifel, ein 
solches Meisterwerk kann nicht die Arbeit eines einzigen sein; wie 
die technischen Kräfte eines Einzelkünstlers musste es vollends in 
jener grauen Vorzeit die finanzielle Leistungsfähigkeit eines Mei¬ 
sters übersteigen. Kein Wunder, dass im Vertrag von 1503 auch 
die Gattin und die Nachkommen, die „erbern Erben“ des Unter¬ 
nehmers Entlastung versichern und verlangen. Die Summe des 
Lohnes, 1600 fl. ist eine gewaltige für die damalige Zeit, zumal 
da die Gemeinde oder Nachbarschaft das Eisenzeug und Gerüste 
zu stellen und beizuschaöen hatte. So bekam Hans Multscher, 
der für seinen Sterzinger Altar laut Baumeisterrechnung „mit sei¬ 
nem Gesellen die Tafeln 1456-58 gemacht und aufgericht“, nach 
Zusammenstellung aller Posten nur ca. 300 rheinische Gulden. ^ 


1 Die Verfolgiiug des Gnadenstuhltypns seit Erwerbung einer Tafel aus dem 
IG. Jahrhundert veranlasste zunächst die Beschäftigung mit Lana’s Hochaltar, 
dann erst mit dem Heister. 

- Vergl. Zs. des Ferdinandeums, 18. 



A. Naegele, Documenta et Monumenta Tirolensia 


201 


Damals galt in Tirol 1 fl. rheinisch 48 Kreuzer, 1 Mark Berner 
] 7-8 Dukaten = 2 V 2 A- rh. = 10 Pfund Berner = 120 kr. = 600 
Vierer = 2400 Berner. 

Einen Lichtstrahl in das Dunkel dieser zwiespältigen Probleme 
vermag ein Name zu senden, der in dem einen der noch nicht ver¬ 
öffentlichten Dokumente vom Jahr 1506 genannt, endlich aus dem 
Staub völliger Vergessenheit auftaucht. Ich hoffe dasselbe im Wort¬ 
laut, wie die erste Vertragsurkunde demnächst an anderem Ort 
noch zu veröffentlichen. In der ersten Quittung vom Freitag vor 
Dreikönigstag 1506 bestätigt „Maler“ Hans Schnatterpeck den Emp¬ 
fang von 246 fl. 1 Pfund 6 Kreuzer für „die Arbait der grossen 
Tafl in unseren lieben Frauen Pfarrkirchn zu Lannach“, die erste 
Rate der ausbedungenen Summe von 1600 fl. Köstlich ist die Ein¬ 
richtung der Doppelausfertigung der zwei gleichlautenden „Spanze- 
del“. Diese wurden voneinander geschnitten für jeden der zwei 
Vertragskontrahenten, und zwar in der Form von drei Winkeln oder 
Zacken, die dann in das Exemplar der anderen Ausfertigung genau 
hineinpassen mussten. Wichtiger als diese formale Seite ist die 
inhaltliche. Am Schluss nennt das Dokument unter anderen Insigel¬ 
zeugen den „Bernhard Härpfer, Pyldschnyzzer“. Wir werden 
nicht fehl gehen mit der Annahme, dass dieser Bildhauer neben den 
andern Ratsherrn als Zeuge in des „Malers“ Sache erstmals ge¬ 
nannt, in nächster Beziehung zu Schnatterpeck stand als sein Teil¬ 
haber oder Gehilfe am grossen Werk des Lanaer Altars, dass ihm 
vielleicht vor allen andern der plastische, von den Gemälden stili¬ 
stisch ganz abweichende Schmuck zuzuschreiben sein dürfte; dass 
er sich der Bildhauer nennt, der Meister der plastischen Arbeiten 
ist und nicht wie bisher der „Maler“ Hans Schnatterpeck zugleich 
als Bildhauer zu gelten hat. 

Ich stelle diese zunächst nur urkundlich fundierte Hypothese 
zur Diskussion berufenerer Fachmänner, nachdem keiner derselben 
seit oder trotz der Begest-Notiz Ottenthals (1888) die Originaldoku¬ 
mente einzusehen sich herbeigelassen hat und so jeder an dem dort 
leider nicht genannten Bildhauernamen vorübergegangen ist. 



202 


Miscellanea Fr; Ehrle. III.- 


Vertrag des Malers Hans Schnatterbeck von Meran mit der Pfarrkirclwi- 
vorstehung von Lana wegen Lieferung eines Altars. Meran (?) löOS 
August 18. 

(Originalpergament mit Siegel). 

Ich Hanns Schnatterpeck,' Maler, burger des Rats^ an Meran, bekenn 
mitsamt Barbara .meiner elichcn Hawsfrawen® mit disem offenn Brieuv, 
das die erbern, weysen Cunradt Hawg'* zuo Nyderianach® dieselbe Zeit 
als Paw’maister vnd Peter saltner * zuo Oberlanach als gwaltiger kyrob- 
brobst' vnnserr liebn frawen Pfarrkyrchn zuo Lanach,® ain newe TafP 
in berürten vnnserr liebn frawen kyrrche auf den fron Altar zesezen, 
an Mich gcfrünnt^* vnd bestellt haben, Ist in ainem güetlichen Vertrag 


* Auf dem Pcrgamentumschlag ist Snatterpeck gechrieben, im dritten Doku¬ 
ment, der Quittung von 1508, schreibt der Slaler sich „Schnatterpeckh”. Name und 
Herkunft ist wohl schwäbisch, wie sicher des Künstlers Malweise. 

2 Schon 1402 ist in einem Kaufvertrag sein Aufenthalt in Meran bezeugt. 

3 Tochter Bernhards v. Hafling nach Sammler 2, 1007, S. 222. 

^ Konrad Hang, Baumeister an der 1483 nach Portalinschrift wohl nur teil¬ 
weise vollendeten, 1402 eingeweihten Kirche, ist ln den 2 Quittungen Schnatter- 
pocks 150G u. 1508 ebenfalls genannt, sonst begegnet uns dieser Name nirgends; 
auch Atz, Kunstgcsch. Tirols, 2 A„ 1000, kennt seinen Namen nicht. Dass der Titel 
„Paumaistor” nicht immer den Architekten, sondern nur den Bauaufseher bezeichne, 
ist ebenda S. 487 hervorgehoben; sicherer ist die Bezeichnung „Werkmeister”. 
Entwürfe zu den grössten Bauten gingen oft von Steinmetzen aus; s. Zs. d. Fcrd, 
1808, S. 275. 

3 Erstmals literarisch bezeugte Form des Namens des Dorfes, der um 9Ü0 
Levnon, 1140 Eeunan, 1234 Eugagnan, 1481 Lanan urkundlich lautet. 

3 Name vom alten, heute noch so genannten Amt d. Weinbergaufsehers. 

^ Die Gewalt, das Amt zur Zelt innehabender Vertreter der Bauherrschaft 
und Kirchengemeinde von Lana. 

3 Die Unterscheidung von Ober- und Niederlana ist schon sehr alt, jünger, 
seit 14. Jahrh. ist Jlittcrlana urkundlich nachweisbar. Im 3. Dokument von 150S 
ist stets Lan(n)an geschrieben. Ueber den Wechsel der Form siehe oben I. 

3 „Tafel” = häufige Bezeichnung für Flügelaltar mit Schnitzwerk in Schrem 
u. Aufsatz u. zum Teil Reliefs an d. Innenflügeln, Gemälden an d. AussenflUge't', 
so im Vertrag Syl. Millers des Malers mit d. Bozner Brüderseh. der Wuridärzts 
V. 1507, wo genauere Angaben über die einzelnen Teile der „Tafel” enthalten siniD 
„Im Corpus (Schrein) ein geschnitten Pild, an den Flügeln, innen flach geschnit¬ 
ten. auswendig gemalte Pikier. in pereh ( = ?.) ist zu schneMc“' 

aussen deren zween zu malen.alles ist mit färb u. fein Gold, die tafl mit 

marblfarb zu machen” Atz, B. Tr. S. 558. 

13 Hochaltar d. Marienkirche. 

11 Beauftragt, vereinbart 







A. Naegelb, Documenta et Monumenta Tirolensia 


203 


durch vnnser gut Herrn freündt vnd günner * zu Bayderseit darzu erpetn 
vnd enntlich vertrawt, also betaydigt ^ vnd gemacht wie hernach volgt. ^ 
Das Ich bemelter Hanns Maler ain schöene newe artige wol formyerte 
Tafl mit gutem veinem ducatn golde ^ vergüldt, auch mit guter besten- 
digor Varb arbait vnd Zewg maisterlieh gemacht gemalt vnd zugerichtt, 
auf gedachten vnnserr liebn frawen' Altar in meiner aygen Cost Speys 
Zewg vnd darlegen machen soll, vnd die in den nächstkünftigen acht 
Jarn von dato des briefs gar an ir stat brynngon sctzn vnd aufrichtn, 
vnd sullen die Nachperschaft ^ zu Lanach alln Eysenzwg zuo diser Tafl 
geben, auch das Gerüste nydn machn, vnd die Tafl in Irer Cost vnd fure 
hynah brynngen. Dann von wegen des Lons berürter Tafl ist beredt vnd 
gemacht, das dieselbe Nachperschaft zuo Danach Mir vnd meiner Haws- 
frawen dauon zuo Lone geben sullen ungeuerlich Sechzehen Hunndert 
Reinisch guidein vnnd wann dieselbe Tafl wie vorberürt, gar gemacht vnd 
aufgerichtt ist, So soll yeder Tail drey erber Mann der Sachn ver- 
stenndig® vnd ainen obmann darzu nemen vnd pyttn, die sullen solicho 
Tali vnd Arbait nach NotdurfFt besichfen vnnd alsdann auf baydon Tail 
fUrbrynngen vollen gwalt haben bey Irn guten Trewen zuo erkennen, ob 
man der berürten Sechzehenhunndert guidein Icht’ abnemen oder hinzu 
geben soll, vnd wie es dieselben Syben darumbe erkennent vnd ausspre- 
cheiit, dabey sols zu Bayderseit on alle weiter Waygrung bleybn vnd be- 
steen. Vnnd soll soliche vorgemelte Sum Mir vnd meiner Hawsfrawen 
oder meinen Erbn hernachgeschribner mass entrichtt werden. Item zwi- 
sclm hye vnd weynachtn annderhalbhunndert Guidein daran soll man Vns 
zum nöchsten Wynmadt® acht fuder Wein geben vnd darnach alle Jar 
zwischen dem gemainen Wynmadt vnd Liechtmessn aber annderhalbhunn¬ 
dert Guidein vnd acht fuder Wein byss zuo voller Werunng vnd beza- 
•unng berürter' Summ was die treffn würdt, vnd Vns allweg der Wein 


' Ob wohl hiemit die Guts- u. Geriehtsherrschaft die Grafen von Brandis 
goineint sind? 

* Vereinbart,' ausbedungen. 

^ 1483 nach Portalinsehrift ward der Bau begonnen (oder vollendet?), 1402 

eingeweiht. 

* Im Vertrag d. Malers Sylvester Miller v. 1507 heisst die Bozner Anweisung: 

'.mit färb u. fein Gold,.Slarblfarb zu machen. — Ein Dukaten annähernd die 

Hälfte einer Berner Mark. 

* Im Sinn wohl v. Gemeinschaft wie es ln d. 2. Quittung Schnatterpecks 

heisst. ■ ' ■ 

® Soweit andere Verträge bekannt sind, gehört die Ernennung einer Sachver¬ 
ständigenkommission zur Abnahme des Werks zu einer seltenen, ganz modern 
■'tnmutenden Einrichtung. 

t = etwas (negiert nichts). • : ' ■ . 

® = Weinmonat, Oktober. 





204 


Miscellanea Fr. Ehrlb. III. 


wie der genng vnd gab ist, daran geben vnd abzogn werden. Sölicbs soll 
all weg aygenlich auf dise Brieue, der yeder Tail ainen nymmt, vermerkt 
oder sunst in gesehrift oder Quittungen vervast vnd gescbriben werdn, 
damits dest mynder * Irrung brinnge, Alls getrewlich vnd on geuerdt. 
Mit Urkundt des briefs so hab Ich obgemelter Hanns Maler mitsammt der 
bemelten Barbara meiner Hawsfrawen für Vns vnd Vnnser Erbn vley- 
ssigklich gepetn den fürsichtign weysn Mynnign swäbl^ dieselbe Zeit 
Burgermaister an Meran, das er sein Insigl hyer an gehenngt hat, doch 
Ime vnd seinen Erbn on schaden. Des sint Zewgn auch der pete® vmb 
das Insigl die erbern Thomann glarr burger an Meran, Jörg tänndl,* 
Bartime märckl,® baide Spetzgker® burger daselbs, vnnd mer erber Leihe. 
Beschehen am Frey tag nach vnnserr lieben frawen tag Assumptionis.’ 
Nach Christi gepurde fünfzehenhunndert vnd im Drytten Jare. 

VI. — Dr. Ludwig Vergenhans, erster Rektor und Kanzler 

DER 1477 GESTIFTETEN UNIVERSITÄT TÜBINGEN ALS PFARRER IN 

Eppan-St. Pauls. 

Ein letztes Denkmal jahrhundertealter Beziehungen zwischen 
Tirol und Schwaben an der Wende von Mittelalter zur Neuzeit gilt 
dem Älanne, der als Mensch und Gelehrter ganz mittelalterlich 
anmutet und doch von der neuen Geistesrichtung einen Hauch ver¬ 
spürt hat, das gute Alte mit dem kräftigen Neuen verbindet. Es ist 
der gute Schutzgeist des vielgefeierten Grafen Eberhard im Bart, 
der 1495 Herzog von Württemberg wurde. Vergenhans oder 
Naukler, der Hauptberater des Landesherrn bei der Tübinger 
Hochschule, der altehrwürdigen Eberhardo-Carolina am Gestade des 
Neckar. Die unermüdliche Verfolgung einer zufällig entdeckten 
Spur des Schwaben in Südtirol führte endlich zur Aufßndung von 
drei Dokumenten, welche über den Vornamen, das Todesjahr und 
besonders die letzte kaiserliche und päpstliche Ehrung des Stutt- 

1 Desto weniger Missverstilnünis oder Streitigkeit. 

2 Heilte noch in Meran und Lnna fortlebendes Gescblecht. 

2 Bezeugung oder Bitte um Siegelung. 

Jörg Tändl war später (15?0) Bürgermeister. 

5 Ein Goldschmied MUrklin ln Meran, aus Schwaben, wohl Ulm, eingewandert, 
mehrfach bezeugt. 

6 Spezereihändler. In den Bozner Marktordnungen von 1437 und 1556 sind 
Spetzkher angeführt (Schiern, 1921, S. 140); Sigmund Spetzker war 1447 Bür¬ 
germeister in Meran. 

2 Freitag nach Maria Himmelfahrt (das Kirchenpatrozinium von Lana) 18- 
August 1503. 




A. Naegblb, Documenta et Monumenta Tirolensia 


205 


garter Probstes und Tübinger Universitätskanzlers durch Uebertra- 
gung der Pfarre St. Pauls neue Aufschlüsse zu geben vermögen- 
Dank dem bösen Geschick, das im unfreiwilligen Krankheitsexil 
solch gutes Finderglück bescherte ! 

Wie kam der Schwabe vom Neckar an die Etsch, von der an¬ 
gesehenen Probstei der Stuttgarter Fürstenresidenz auf die fern 
im Süden an der Grenzscheide deutschen Landes gelegene Pfarrei 
Eppan-St. Pauls ? 

Die uralte Pfarre im Dekanat Kaltem, an der Grenze zwischen 
der Grafschaft Tirol und dem Fürstbistum Trient, schenkte Bischof 
Altmann von Trient dem dortigen Domkapitel im Jahre 1140. i 
Dieses übte das Patronat bis zu seiner Auflösung durch die landes- 
filrstliche Regierung 1736 aus, nicht immer zu Gunsten der Seel¬ 
sorge der Gemeinde, sondern oft nur wie in andern gut dotierten 
Pfarreien Südtirols zu blosser Versorgung der mit zahlreichen 
Pfründen versehenen Domherrn, die durch oft schlecht besoldete 
Vikare die Pfarrgeschäfte besorgen Hessen und die Einkünfte für 
sich einzogen. Streitigkeiten zwischen Domkapitel, Gemeinde und 
Landesregierung waren das natürliche Ergebnis, bis endlich letztere 
den Sieg davon trug. Schon länger präsentierte der Herzog Sigmund 
von Tirol Anwärter auf die Pfarre St. Pauls, zuletzt Benedikt Fueger, 
Dechant zu Brixen 1475, darauf folgte 1491 nach längeren Verhand¬ 
lungen mit Kaiser Maximilian Christoph Freiherr von Wolken- 
stein. Er starb vor 1497.^ Gleich nach seinem Tod entstanden 
Streitigkeiten über seine Verlassenschaft, die 1501 durch gütlichen 
Vergleich der Pfarrkirche mit dem Bruder des Toten, Gotthard von 
Wolkenstein, beigelegt wurden, aber auch um seine'Nachfolge in 
dem Pfarramt. 

Am 12 Oktober 1497 teilte der Kardinallegat und Ordensmeister 
der Johanniter zu Rhodus dem Bischof von Trient mit, er habe als 
päpstlicher Legat die Pfarre Eppan, die durch den zu Rhodus erfolg¬ 
ten Tod Christophs von Wolkenstein erledigt sei, an den Johanniter 
Hieronymus von Castiglione verliehen und ersucht um Bestätigung 
dieser Ernennung. Indes gelangte dieser nicht in den Besitz der 
Pfründe, sondern des tirolischen Freiherrn von Wolkenstein Nach¬ 
folger wurde der schwäbische TJniversitätskanzler Dr. Ludwig Ver- 


* Zeitschr. d. Ferdinandeums, 1SS9, S. 172; Atz-Sciiatz, Der deutsche Anteil 
liistums Trient IV (1007), S. 180. , 

2 Atz-Sciiatz, IV, S. 184. .■ 



206 


Miscellanea Fk. Ehrle. III. 


genhans, der gelehrte Probst der Stiftskirche zu Stuttgart. Urkund¬ 
lich sicher erscheint er nach Atz' im Jahre 1511 als Pfarrer von 
Eppan-St. Pauls. Schon früher 1500 (?) hatte er mit seinem später 
zu seinem Nachfolger ernannten Vikar Bernhard Kessler von Boi¬ 
mont (Burg bei Kaltem) einen Vertrag wegen Leistung einer Jah¬ 
respension geschlossen, den im Jahre 1507 der Landesfürst geneh¬ 
migte. 

Lange suchte ich nach urkundlicher Bestätigung dieser- durch 
chronologische Konfusion zweifelhaft gewordener Nachricht. End¬ 
lich fand ich auf dem vierten Suchergang im wohl verwahrten 
Pfarrarchiv zu St. Pauls drei Urkunden mit Nennung des Ludwig 
Vergenhans als des früheren eben verstorbenen Pfarrers von St. Pauls, 
aus dem Jahr 1513. Dieselben sollen im Wortlaut hier erstmals 
mitgeteilt werden als bedeutsame Dokumente der schwäbischen wie 
der tirolischen Kirchen- und Gelehrtengeschichte. 

Jedenfalls hat der schwäbische Probst die südtirolische Pfarre 
bis zu seinem Tode innegehabt, der nach der Inschrift auf dem 
künstlerisch hochbedeutsamen Grabmal in der Stuttgarter Stiftskirche 
am 15. Dezember 1512 erfolgte. ^ 

Der Name des berühmten Lehrers der Universität Tübingen, 
die Graf Eberhard im Bart von Württemberg 1477 stiftete mit Ge¬ 
nehmigung des Papstes Sixtus IV. 1476, deren erster Rektor (1477) 
und Kanzler (1478) er wurde, lautet meist nach Humanistensitte 
gräzisiert Naukler, Nauclerus, die Uehersetzung von Verge, Fähr¬ 
mann. Sein deutscher Name war Vergenhans, Johannes Verge. 
Sein Vorname nach allen bisherigen Biographen Johann, nach un¬ 
zweideutiger Nennung in unseren Dokumenten aber Ludwig. Er war 
wahrscheinlich in Justingen, Amt Münsingen, im Jahre 1426 
geboren. - Als vertrauter Rat des trefflichen, im Lied vielgefeierten 
„Graf im Bart“, der eine italienische Prinzessin, Barbara von Gon¬ 
zaga, zur Gemahlin hatte, wurde er Probst an der Stiftskirche zu 
Stuttgart 1460, später Lehrer des kanonischen Rechts an der neuge¬ 
gründeten Hochschule, 1482 auch Probst des Tübinger Georgen- 
Stiftes. Sein Hauptwerk ist die Weltchronik, die wegen Benüt¬ 
zung vieler heute verlorener Quellen besonders für die Geschichte 
des 14. und 15. Jahrhunderts ■wichtig ist. Die erste interpolierte 


1 Ebenda S. 1S5. 

2 Abbildung bei Heideloff-Essenwein, Histor. Bildcratlas und in Kunst- «■ 
Altertunisdenlcmale d. KömgreicJis Württemherg i. S. . ■ . ' 




A. Nabgelb, Documenta et Monumenta Tirolensia 207 


und bis 1514 fortgesetzte Ausgabe besorgte der Hirsauer Mönch Ba- 
sellius: „Memorabilium omnis aetatis et omnium gentium chronici 
„coramentarii“ (Tübingen 1516).' Nach neueren Forschungen wäre 
sein Todesdatum der 5. oder 6. Januar 1510. In Tübingen starb 
Vergenhans und in Stuttgart erhielt er seine letzte Ruhestätte, 
« eiche später durch ein künstlerisches Grabmal ausgezeichnet wurde. 
Wundern dürfen wir uns über diese im Mittelalter und auch später 
übliche Freizügigkeit auch auf geistlichem Gebiete durchaus nicht. 
War doch schon früher Graf Eberhard von Kirchberg, Domherr zu 
Strassburg, Pfarrer in Kaltem ums Jahr 1364, und in Tramin 
.lohann von Esslingen als Seelsorger angestellt, der Vollender der 
berühmten Handschrift: Der Christenherren Chronik. Neben an¬ 
deren Priestern aus den Diözesen Konstanz und Augsburg führe ich 
hier nur noch Sigmund Kreuzer aus Neustadt (Unterfranken) an, 
der Rektor der Universität Heidelberg (1497), Domherr in Brixen, 
dann Pfarrer in Kaltem war.® 

1. - Verfügung des Kirchpropstes Baltasar Wiser von Bi. Pauls über 

Einzug des Nachlasses des Pfarrers Er. Ludwig Fergenhans von 

St. Pauls-Eppan. 1513 Juni 15. 

Koncept, Papier, Fol. Pfarrarchiv Eppan-St. Pauls. 

Ich Balthasar Wiser, Dechett ■* Kirchbrobst® unser lieben Frowen® und 
Saut Pauls Pfarrkirchen zu Eppan und wir die hienachpeschribnen Ge- 
zeagen samentlichen miteinander für uns und anstat.ainer ersamen Gemain 
des gantzen Gerichts Altenburg ’ Innamen und anstat obgemelter Pfarr¬ 
kirchen Bekennen mit disem offen Brieve Alsdann dem edlen gelertea 

' Württhg. Vierteljahrsheftc, 1887, S. 89 ff; Freiburger Dlözesanarchiv 31, 
h'03, S. 181 ff.; Allgemeine Deutsche Biogr. 23, S. 296-8. Auch nach J. Zeileb in 
huciiBEHGEEs, Kirchl. Sandlexikon II, S. 1087, starb Nankler am 5. oder 0. Januar 

«10. vgl. I, s. 121.Ö. 

* Atz-Schatz. II, S. 95, 138. 

3 Sehlem, 1920, S. 392. 

* = Dechant, Dekan mundartlich. 

® Der Titel isc heute noch in der Schweiz üblich für den Vorsitzenden des 
Kirchenstiftungsrats. Derselbe ist in anderen Urkunden ln St. Pauls mehrfach 
Sciiannt. 

® Maria als schmerzhafte Mutter Gnadenbild seit Jahrhunderten-verehrt, 
spätgotiche Holzplastik. . ' • ' . : 

' Die Fuchs von Fuchsherg Pfleger zu Altenburg unweit Eppan oft urkundlich 
senaunt, unten auch als Siegler. , - 



208 


Miscellanea Fr. Ehrle. III. 


Herrn Bernhardten Kässler' die Pfarr Eppan durch die Römisch 
Kayserlich Maiestät genedigklich verlihen und zugelassen, auch durch 
Bäbstlich Heiligkeit conflrmiert und bestett ist, ^ hat sich ehgemelter 
Bernhart Kässler Inbeywesen und mitsamt seinem Bruder, dem edlen 
Ulrichen Kässler aller unbezalten verfallnen Pension, Schulden, Zynnsen, 
Nutzungen und varennden Hab zumWyden^ gehoerig, soviel weylandt 
Herr Ludwig Fergenhanns Doctor Bayder Rechtens als vo¬ 
riger Pfarrer ■* hinter sein verlassen, dieweil solichs alleyn nach Ab¬ 
gang aines yeden Pfarrers der Pfarrkirchen zu Eppan laut irer Brifliohen 
Gerechtigkait und altem Herkommen züstet, entliehen, entslagen weder 
gemessen noch entgelten wil, demnach sagen wir im hiemit zu wissent- 
Jichen in kraft dits Briefs, das wir Sy und die Purgen hinentgegen der 
verfallnen. unbezalten Pension gegen Doctor Ludwigs Erbenund 
menigklich an Schaden halten wellen, auch wo Sy durch benannte Doctor 
Ludwigs Erben umb solich verfallen unbezalten Pension ersucht wurden, 
alsdann zu dei’selben Zeit solich gelt und pension hinter ainen Rqt der 
-stat Botzen doch zu menigklichs Rechten erlegen wollen, treulichen und 
ongeverde. Des zu warem Urkunt haben wir mit Vleiss erbeten den 
edlen und gestrengen Herrn Jacoben Fuchsen von Fuchsperg zu 
Hoheneppan, Ritter und Pfleger zu Altenburg, das er sein aigen Jnsigl 
hiefurgedruckht hat. Des sind Gezeugen und bey solcher Verwilliguiig 
gewesen die erbern weisen Cristan Schi der, Caspar Waltzl, Joerg 
Länser und Jacob Moerl.® Besehenen zu Sant Pauls am Mittichen 
sant Veits tag anno domini X tredecimo. 

2. - Verpflichtung Ulrichs Kessler von Boymund für seinen Bruder Bern- 

hard, Pfarrer in Eppan-St. Pauls, die Kosten für Uebernahme des 

Nachlasses des Dr, Ludwig Fergenhans zu tragen. Eppan, 1513 Juni li>- 
Koncept, ’ Papier, Fol. Pfarrarchiv St. Pauls. 

Ich Ulrich Käsler von Poymundt zu Eppann bekenn mit disem 
offen Brieve, alzdann die Gewalthaber mit samt dem Kirchbrobst unser 

1 Die Kessler auch mit a u. ä geschrieben, sassen auf Burg Boymundt l>e‘ 
St. Pauls; Bernhard K. wurde Nachfolger des Schwaben Vergenhans, Ein 
Grabstein der Magdalena geborne Kesslerin von 1523 ist aussen an der Pfarrhircii' 
zu sehen. 

2 Neu ist auch die urkundliche Bestätigung des kaiserlichen u. päpstlichen 
Emennungs- bzw. Konflrmationsrechts. 

3 = 'Widum. Pfarrhaus. 

■* In der dritten Urkunde, die anders wo in einem Heimatorgan veröffentlicht 
werden soll, kommt die Beifügung des die Identität sichernden Titels des Stutt- 
.garter Propstes. 

n Erben Nauklers sind bisher nicht bekannt. 

6 Mörl später geadelt. 

2 Sehr undeutlich geschriebenes Konzept, oft fast unleserlich. 




A. Nabgele, Documenta et Monumenta Tirolensia 


209 


lieben Frauwen und sant Pauls Pfarrkirchen zu Eppan meinem lieben 
Bruder Bernharden Käsler als angendem Pfarrer verkauft und zu 
kaufen geben haben alle varennde Hab zusamt etlichem Wein und Traidt, 
so nach Absterben des edlen und hochgelerten Herrn Lud¬ 
wigen Fergenhanns Doctor bayder Recgtens als vorigem 
Pfarrer in dem Wyden gefunden und alleyn nach Abgang aines yeden 
Pfarrers zusamt aller Schulden und Zinnsen bemelter Pfarrkirchen laut 
irer brieflichen Gerechtigkait und altem Herkommen zustet, umb ain 
Summa Gelts benamtlichen iiC und üiiRIh üH vKx Perner; danach so 
hat der wirdig Herr Wolfgang Kaspeyr als meines Brüdern Schjaffer im 
Weyden verrait umb Wein Zyns und traidt, so Ich ingenommen hab, iCl 
xii iMh und v h Perner, bringt alles in ainer Summa iiC Lxvi Md, vii h 
und V Kr (376 fl. 7 Heller, 5 Kr) welche yetz gemelte Summa Gelts Ich 
ehgemelter Ulrich Käsler für mich und als yter bemelten meines Bruders 
und bayder unser eben bemelten Pfarrkirchen oder Irem Kirchbrobst 
gelob und versprich auszerichten und zu bezalen auf die hienach ge- 
schribne Zil und Fristen am erstem auf nächstfolgende Weynechten dato 
dits Brivs angefahen und zegeben 52 M 5 H und darnach alle lar auf 
Weynechten 52 mh 5 h, bringt das funfft und letst Zil 56 mh 7 h 5 kx 
zu voller Be., rerung obgemelter 276 Mh 7h Skr als gesprochen und 

geschiden gelt, darumben bemelter Pfarrkirchen zu rechten freyen. 

Steen sol all veste Hab und guet Zyns und Gült und Gueter.nemen. 

Diessolichs zu ainer yeden unbezalten verscheinen Fristen, darumben soll 
und mag angreiflen pfenden und damit gefarn, wie gerichts und Pfandt- 
recht ist, so lang und vil hitz Sy oder ire Kirchbrobst hinlegt (?) und 
schiden, entricht und bezalt ist. Und so werd das genant mein elicher 
Bruder oder ich in mitler Zeit, ee und die angezaigt Summa Gelts bezalt 
wär, mit Todt abgengen, nicht destmynder sol die genant Summa Gelts 
Ton unser bayder Hab und Gut bezalt werden, T(reulichen) und e(rlichen). 
Des zu warem Urkunt heb ich egemelter Ulrich Käsler für mich und 
nieinen Bruder und beyden unser Erben mein aigen Insigl hiefur thun 
drnekhen. Besehehen zu Sant Pauls am XX. 


^^iscellanea Fr. Ehrle. III. 


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